Ich bin ein verdammt lebendiger Fisch

Vor einigen Wochen bin ich seit langem mal wieder über das bekannte christliche Kinderlied „Sei ein lebend’ger Fisch“ gestolpert. Ganz unauffällig zunächst: Eine Person hatte es im Netzwerk erwähnt. Sofort war der Ohrwurm da und Erinnerungen kamen hoch: Ich als Kind in der Sonntagsschule oder Jungschar, fröhlich singend, in einer glücklichen Gemeinschaft. Besonders laut und aktiv war ich immer beim Background-Gesang „schwimm, schwimm, schwimm“ zwischen den Zeilen des Refrains.

Die zweite Konfrontation war kritischer: Meine Mama berichtete im Familienkreis von einer Begegnung an ihrem Arbeitsplatz. Sie hatte das Kinderlied als Beispiel für Standhaftigkeit und aktives Einstehen für eigene Überzeugungen erwähnt. Im Anschluss seien zwei Personen auf sie zugekommen und hätten ihrerseits erwähnt, dass sie ebenfalls Christ:innen seien. Eine Person habe erzählt, dass in ihrer Gemeinde das Lied noch vor Kurzem gesungen worden sei.
Meine Mama erzählte dies mit großer Begeisterung, wie schön es doch sei, solche von Gott herbeigeführten unerwarteten Begegnungen zu haben. Und wie aussagekräftig dieses Lied sei.

Mir muss man meine Gedanken wohl, wie so oft, im Gesicht angesehen haben – vielleicht hab ich auch ein kleines bisschen mit den Augen gerollt – denn ich wurde sofort von ihr angesprochen: „Was ist denn, sowas ist doch schön!“ Meine Erwiderung: „Naja, der Liedtext ist ziemlich schlimm, ehrlich gesagt.“ Fragende Blicke. Ich erklärte mich: „Laut diesem Text wäre ich ein toter Fisch. Find ich jetzt eher nicht so…“ Meine Familie kennt mich als jemand, der selten seine Meinung zurückhält und tendenziell eher auffällig als unauffällig auftritt. Somit die etwas belustigte, aber positive Reaktion von Mama: „Nee, du bist bestimmt kein toter Fisch.“

Das hat mich beschäftigt. Da hatte ich jahrelang nicht mehr an dieses Lied gedacht und plötzlich taucht es zweimal kurz hintereinander auf. Und sofort gibt es wieder neue Aspekte zu dekonstruieren:

Zum einen reagiert mein Gehirn nämlich immer noch indoktriniert: „Du hattest das Lied vergessen. Jetzt wurdest du zweimal damit konfrontiert. Ist das Zufall? Ist das vielleicht doch Gott, der dich wieder auf den richtigen Weg bringen möchte?“ Puh. Aber ich bin solche Gedanken gewöhnt. Und kann das rational angehen: Wie oft hat man die Situation, dass man innerhalb kürzester Zeit mehrmals einen Song irgendwo hört, den man ewig nicht mehr auf dem Schirm hatte? Richtig, kennt jede:r. Und niemand würde das einem Gott zuschreiben. Sorry, indoktriniertes Gehirn, aber die Flashback-Masche funktioniert bei mir nicht mehr!

Der zweite Aspekt ist dieser Liedtext. Den ich völlig verdrängt hatte. Und in meiner Kindheit voller Überzeugung und Stolz gesungen habe. Ich war kein toter Fisch. Ich war immer anders und bin als Christin gegen den Strom geschwommen. Und jetzt?

„Nur die toten Fische schwimmen immer mit dem Strom, lassen sich von allen anderen treiben. Haben weder Kraft noch Mut was anders zu tun, wollen in der großen Masse bleiben.“

Also wenn hier jemand Kraft und Mut gehabt habt, dann ich, und wir alle, die aus dem Fundamentalismus gegen den Strom heraus geschwommen sind!

„Habe doch den Mut, auch einmal anders zu sein, als die meisten Leute um dich her.“

Und ob ich den Mut habe! Ich bin jetzt anders als meine engste Familie, und anders, als ich es in meiner Vergangenheit war. Und durch meine Geschichte werde ich auch in meinen jetzigen Freund:innenkreisen immer irgendwie anders bleiben.
„Wenn sie dich auch alle als nicht ganz normal verschrei’n […]“

Machen viele. Laut Intention des Liedes ist das doch was Gutes? Und außerdem, was ist schon normal? Und wer bestimmt, was normal ist? Ich beschreibe mich lieber als etwas ganz Besonderes und Individuelles.

„Frage du nur: Was will denn der HERR […] Doch aus eig’ner Kraft wirst du nie ein lebend’ger Fisch. Bitte Gott um Kraft an jedem Tag.“

Einspruch. Ich bin für mich der beste Beweis, dass ich aus eigener Kraft ein lebendiger Fisch sein kann. Indem ich einfach nur frage: Was will denn ich? Und ja, das kostet oft viel Kraft. Ich habe sie, ohne einen Gott darum zu bitten.

„Glaub, dass auch in deinem Leben Jesus Sieger ist, und du staunst, was er zu tun vermag.“

Ich staune tatsächlich ziemlich oft, was ich alles ohne einen Sieger in meinem Leben zu tun vermag.

„Freude und Sieg ist dein Lohn.“

Meine Lebensfreude ist größer denn je. Und Sieg? Ja, oft habe ich das Gefühl, ich kämpfe gegen meine Vergangenheit an. Zum Beispiel, wenn mir ein solches Lied begegnet und mein indoktriniertes Gehirn sich mal wieder zu Wort meldet… Aber Sieg? Jesus ist Sieger? Diese Kriegsrhetorik kann ich mit Erleichterung in meiner Vergangenheit lassen. Ganz ohne Kampf.

Nein, ich bin bestimmt kein toter Fisch. Ich darf glücklich sein wie ein Delfin, lustig wie ein Clownfisch, schlau wie ein Wal oder auch aggressiv wie ein Hai. Manchmal bin ich auch einfach unauffällig und langweilig wie ein Hering. Egal, ich bin ein verdammt lebendiger Fisch!

Elli

Hier geht es zum Beitrag auf Instagram