Doppelmoral

Content Note: Purity Culture, Sexualisierte Gewalt

Ich war verlobt, nachdem ich ihn drei Monate kannte.
Ich war mir sicher: Das ist der Mann für’s Leben.
Ich hatte so innig gebetet, dass Gott mir deutlich macht, ob er es ist.
Und alles stand auf „Ja!“

Sex vor der Ehe galt als Sünde.
Wir hielten uns an diese Sicht.
Wir waren beide von klein an in Brüdergemeinden groß geworden.
Obwohl ich eine eigene Wohnung hatte, fuhren wir zum Übernachten zu meinen Eltern.
Wir waren allein in der Wohnung einer Freundin.
Kamen uns näher. Verboten näher.
Er fragte, ob eine bestimmte Handlung für mich okay wäre.
Ich sagte nein.
Er führte diese Handlung an mir aus.

In diesem Moment ging etwas in mir kaputt.
Doch ich sagte niemandem etwas.
Es war ja verboten gewesen. Sünde.
Ich hatte eine riesige Scham in mir.
Er entschuldigte sich.
Und ich heiratete ihn.
Ich dachte, es geht darum, mich als Frau auf ihn auszurichten.
Es war ja auch nicht so schlimm gewesen.

Doch ich konnte nie wieder auf diese Weise mit ihm intim sein.
Er sagte mir, wie schade es sei, dass ich so passiv sei.
Er sagte, ich könne nicht vergeben.
Wenn wir eine Woche lang keinen Sex hatten, sagte er, das sei nicht normal.
Er schaute Pornos und stellte mich in Vergleich zu Frauen, die er im Netz wahrnahm.

Er wurde Ältester in der Gemeinde.
Ich frage mich, wie wir vier Kinder bekommen konnten.
Ich denke, weil ich mich bemühte, mich anzupassen. Unterzuordnen.
Ich dachte, es ginge um ihn, um seine Bedürfnisse.
Darum, ihm den Rücken freizuhalten.

Ich war lange Hausfrau und Mutter.
Ohne Ausbildung, ohne Job. Ohne Auto.
Er war Alleinverdiener. Er sorgte für uns.

Ich habe mich ehrenamtlich in der Gemeinde eingebracht.
Als unser Jüngster in den Kindergarten kam, wollte ich vier Stunden in der Woche arbeiten gehen.
Er sagte, das sei unnötig und egoistisch von mir.
Vieles, was ich für mich tun wollte, bezeichnete er als meinen Ego-Trip.

Er wurde Pressesprecher in der Gemeinde.
Und Datenschutzbeauftragter.

Er öffnete mehrfach meine Post.
Er ortete mein Handy – aus Sorge.
Er las meine Chats und E-Mails.
Er wusste Dinge, die er nicht einfach so wissen konnte.

Irgendwann konnte ich nicht mehr.
Ich habe diese Ehe verlassen.
Ich habe auch die Freikirche verlassen.

Mit dem Ausbrechen aus der Ehe passten meine Werte und mein Verhalten nicht mehr zur Freikirche. Ich lebte wieder in Sünde.
Niemand aus der Gemeindeleitung fragte mich, warum diese Ehe eigentlich gescheitert ist.
Niemand suchte ein Gespräch mit mir.

Bis heute ist er in einer Männergruppe einer Freikirche aktiv.

Eine E-Mail, die ich an die Leitung dieser Männergruppe schrieb, blieb unbeantwortet.

Ich hasse diese Doppelmoral.

Ich hasse es, wenn Menschen fromm sagen
„Du solltest vergeben“
„Du solltest gnädig und barmherzig sein“
„Es geht nicht um unser Ego, es geht um Gottes Werte“
Usw.
Die mir damit indirekt sagen, dass die Sünde bei mir liegt.
Und nicht wissen, was sie mir damit antun.

Nie wieder.

/ anonym

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