Das erste Weihnachtslied und seine Entstehungsgeschichte passen so gar nicht zu dem, was heutzutage gerne als Weihnachtsbotschaft verbreitet wird. Keine heile Welt mit Bilderbuchfamilie; keine harmonische Botschaft von Frieden. Stattdessen ist die Hauptfigur in der Geschichte vom ersten Weihnachtslied die junge Frau Maria, die unehelich schwanger geworden ist und deshalb wahrscheinlich in ihrem Heimatort ständig als „Flittchen” gedemütigt wird. Als sie das nicht mehr erträgt, haut sie ab zu ihrer Tante Elisabeth. Man kann ahnen, warum sie sich gerade diese Person als Zufluchtsort aussucht. Elisabeth weiß, wie es ist, wenn man nicht den gesellschaftlichen Erwartungen und Normen entspricht. Jahrzehntelang war sie kinderlos geblieben und hatte ihrem Mann keine Nachkommen verschafft. Erst in ihrem Alter, fast zeitgleich mit ihrer Nichte, wurde sie schließlich schwanger. Die Art, wie Elisabeth die in Verruf geratene Ausreißerin aus Nazareth begrüßt, hat es in sich. Keine Belehrungen, keine Demütigungen, sondern einfach nur Wertschätzung und pure Freude: „Was für eine besondere Schwangerschaft!“ Maria hatte sich bis dahin ganz andere Sachen anhören müssen und nun bricht es aus ihr heraus. Voller Wut und Erleichterung singt sie von Barmherzigkeit und davon, dass die Demütigungen, die sie erleben musste, gesehen wurden. Ihr Lied handelt aber auch von Mächtigen, die vom Thron gestoßen werden, und von Reichen, die leer ausgehen. Es ist kein versöhnliches Lied, wie man es von einem Weihnachtslied erwarten könnte, sondern ein revolutionäres Lied, das von einer Umkehr der Machtverhältnisse spricht. Heute singen wir verschiedene Vertonungen des Magnifikats. Der revolutionäre Aspekt kommt in modernen Adaptationen viel zu kurz, oft fehlt er ganz. Darin spiegelt sich ein Ungleichgewicht dessen, was heute als biblische Weihnachtsbotschaft verkündet wird. Mir fehlt dieser wütende, widerborstige und aufrührerische Teenager Maria.
/ Daniel
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