Eisblumen der Nacht

Content Note: Hass gegen LGBTIQ+

Weihnachten.

Dieses Wort, das seit meiner Kindheit nach Glanz, heimeligen Gefühlen, spiegelnden Kugeln, Geheimniskrämerei, Weihnachtsliedern, ferngesteuerten Autos, Unmengen an Süßigkeiten, Lichtern und festlichen Gottesdiensten klingt. Nach heiler Welt. Nach Gottes Licht in dunklen Zeiten. (Irgendwie sind die Zeiten immer dunkel in Predigten und Jesus, die Lösung für alles, kommt auf die Welt.)

Inzwischen ist Jesus für mich ein Beispiel, wie religiöse Geschichten versuchen, den Menschen zu trösten und wie sie versuchen, ritualisiert alle Ereignisse des Lebens zu begleiten. Die Erlebnisse bedeutend zu machen. Ich frage mich, warum das Leben an und für sich, das nach religiösem Verständnis von Gott per Dekret geschaffen und alle Materie ins Dasein gerufen wurde, die Spiritualisierung nötig hat. Vögel zum Beispiel  zwitschern und loben angeblich Gott. Tun sie das? Oder zwitschern sie einfach nur? Oder beides, je nachdem, ob ein Biologe oder ein Poet sie hört? Eigentlich setzen sie sich auf einen Ast und rufen: „Jemand ficken?“ Ich bin weder Biologe noch Poet.

Manchmal bete ich: aus Angst, aus Sorge oder aus Liebe und Fürsorge. Für den Fall, dass da oben jemand zuhört. Ich denke, diese Hoffnung wird mich immer ein Stück begleiten und gleichzeitig glaube ich, ein wenig widersprüchlich, dass es kein Jenseits gibt, keine spirituelle Welt, keinen himmlischen Vater und keine himmlische Mutter. Ach, wäre das schön, wenn die Welt so schwarz-weiß wäre und dort ein überhöhtes Geistwesen jederzeit meinen Wünschen und Sorgen zur Verfügung stünde. So schön einfach. Fehlt nur noch die Handynummer.

Aber: Nein, es wäre bzw. war nicht schön. 33 Jahre lang war es nicht schön. Homosexuelle haben beim Christkind nichts zu suchen. Jesus liebt bedingungslos, aber wenn ich freiwillig „der Sünde fröhne“, dann kann er nicht in meinem Herzen wohnen. Aus meinem freikirchlichen und strengen Hintergrund und meiner Biographie bleibt das Gefühl zurück: Das ist alles furchtbar kompliziert mit der Theologie, und ja, Gott liebt alle, aber jedenfalls müssen wir schon ein paar Bedingungen stellen. Gott liebt dich aber irgendwie auch nicht. Der Himmel ist die Hoffnung, aber solltest du selbst denken und nicht spuren, haben wir die Hölle für dich. Oder dämonische Belastungen. Oder Gemeindesozialreglementierungen. Je nach Konfession variieren die sozialen Konsequenzen. Die Engel beschützen dich, aber sehr lange überkam mich noch plötzlich die Angst vor dämonischen Erscheinungen. Ja, also eigentlich liebt Jesus dich überhaupt nicht bedingungslos. Sagt das doch gleich! Himmel, Arsch und Sakrament.

Seit ich auf dem Weg bin, habe ich sehr viel mehr Fragen. Immer weniger Antworten. Für manche bin ich „verloren“ oder „vom Weg abgekommen“, sicherlich zu einem Gebetsanliegen degradiert. Mit Menschen aus meiner alten Kirche komme ich kaum in tiefe Gespräche. „Du warst früher so brennend.“ Uh. Das tat weh. Zur Homosexualität wollen sie nichts sagen. „Wir lieben dich.“ und ich weiß, dass im erleuchteten Kopf die Klammer auf ist „aber nicht wie du bist, nicht, was du tust, nicht, dass du uns kritisierst, indem du gegangen bist, dich nicht mehr fügst und weltlich lebst – nach unserem Gutdünken“. Nach vier Sätzen kommt bereits eine Verurteilung. Ich stehe da, wie vom Donner gerührt, nicht schlagfertig, weil ich von dem weitreichenden Urteil über meine Person überfordert bin. Alle Gedankengänge, Kämpfe, jahrelangen Recherchen und Informationen, theologischen Überlegungen und Bemühungen meinerseits werden weggewischt mit einem Satz, weil ich nicht die richtige evangelikale Zauberformel mehr aufsage. Nicht, dass wir darüber gesprochen hätten, aber es wurde gar nicht danach gefragt. Im Gegenzug klatsche ich der Gesprächspartnerin jedenfalls nicht eine Gesamtbilanz ihres Lebens, nach meiner Perspektive inklusive Ewigkeitsurteil über den Verbleib nach Ihrem Tod ins Gesicht. Es gibt nämlich Werte wie Respekt, Taktgefühl, Angemessenheit und Höflichkeit jenseits jeder religiösen Verschachtelung hinter den „richtigen Bekenntnissen“. Aber wie soll man Gebrainwashten Dinge sagen, die sie nicht begreifen können?

Es ist kalt. So viele Beziehungen sind weggebrochen oder oberflächlich geworden, weil ich nicht mehr den Schmarrn nachplappere. Und doch suche ich die spirituelle Tiefe. Schmerzhaft vermisse ich das christliche Kapitel und suche wie ein Blöder nach dem Stern, der mich in meinen warmen Stall führt. Es ist dunkel. Ich tröste mich nicht mehr mit meinen Gebeten über die Paradoxa hinweg. Ich akzeptiere, dass nicht alles beantwortet werden kann. Aber ich sehe meine Mitmenschen anders. Ich verstehe plötzlich die jüdische Kollegin, die das Lichterfest als Atheistin feiert, um sich traditionell zu verwurzeln, um ihre Sehnsucht zum Heimatland auszudrücken und um ihre Identität nicht gänzlich aufzugeben. So schmücke ich auch meine Wohnung mit Lichterketten und Kugeln, die besonders toll aussehen und meine Kindheitsgefühle wiederholen. Ich merke: Es ist schon weniger Schmerz geworden. Ich will die Kindheit nicht zurück. Aber ein bisschen Erinnerung. Ich halte die Augen offen: Wer ist da noch, wer braucht Gesellschaft? Ich bemerke, dass es sich ganz anders verhält: Sooo viele nette, anders oder nichtgläubige Menschen. Ich glaube nicht mehr, dass alle in die Hölle kommen. Eugen Drewermann half mir da ein großes Stück weit: Wenn es Gott gibt, würde er dann nicht in Liebe und Erbarmen eines Tages all die Kommunikationsmissverständnisse aufheben? Würde er uns nicht versöhnen, mit uns selbst und miteinander? Und spiegelt sich darin nicht bereits etwas Göttliches?

So gehe ich mit meinem verlorenen Jesus und meinem neuen Gott, der nicht existiert und gleichzeitig alles versteht, einen dunklen, kalten Weg. Aber etwas mutiger, etwas schmerzfreier. Ich glaube, ich habe die Kraft dafür. Wie lange prügelten wütende Prediger verbal auf meine zarte Seele ein: Was mir alles zustöße, wenn ich Gottes Weg verließe (den sie qua Amtes irgendwie besser kannten als ihre dummen Schäfchen), da reichten alle Höllenbilder der Apokalypse nicht aus. Und siehe da: Nichts davon trat ein. Als ich meinen Glauben verließ, trat als Erstes erstaunlicherweise ein neues Selbstvertrauen ein: Ab da lag die Verantwortung bei mir. Die Entscheidungen bei mir! Ich konnte ja und nein sagen und fortan bestimmen, wen und was ich in mein Leben lasse, was heraus schmeiße und was begrüße.

Für manches habe ich aber auch keine Kraft. Für meine leeren und einsamen Tage, wenn sich alles sinnlos anfühlt – auch wenn ich weiß, dass dies eine Phantom-Prophetie im Echo meines Unterbewusstseins ist, lebe ich ja jetzt genau dieses „weltliche“, „gottlose“ Leben. Ich werde „Stille Nacht“ mit meiner Familie singen und mich wie ein Kind freuen. Ich werde denen, die mich verurteilen, freundlich ins Gesicht sehen, und ihnen ihre Christlichkeit vergeben. Ich höre Celine Dions Special Times im Hintergrund, endlich ist es mir mit Mitte 30 egal, welche Leichen ich im Plattenkeller liegen hab’. Heute ohne religiöse Gefühle und übrigens ohne Alkohol. Ich brauche keine Religion und keine Droge mehr, ich bin ganz nüchtern im Hier und Jetzt, völlig aspirituell in der gottgegebenen Gegenwart.

Vielleicht gehe ich sogar in einen Heilig-Abend-Gottesdienst, weil ich gern das weihnachtliche Gedöns höre. Meine Krippe ist nicht kaputt, das ist Kunst. Ein Durcheinander. Eine kreative Mélange. Gottlose Freude. Mit Humor gespickt und mit einem Licht in mir selbst. Meine Waisengewänder glänzen flamboyant. Mein Josef war vielleicht schwul –oder wieso musste der Heilige Geist herhalten? Ich schmücke mir mein Weihnachten selbst. Und die Gäste sind ein Potpourri von Königen, Eseln, Schafen, Ochsen und Dahergelaufenen. Mitten im Leben, da wo wir hingehören. Vielleicht überrascht mich ja ein hübsches, verzaubertes Geschöpf in der Adventszeit und mein Fest wird ganz anders und gottlos schön gefeiert.

Ende. Im Januar Baum abschmücken. Ich weihe mich der Kühle des Jahresanfangs. Der klaren, wahrhaftigen Umnachtung. Es hat auch etwas Erfrischendes und Lebendiges, schneidende Kälte über die Gesichtshaut fahren, sich selbst zu spüren. Ich glaube, ich bin jetzt realer in der Gegenwart. Packe die Dinge an und lebe mein Leben. Schreibe meine Biographie und gehe Schritte immer noch unsicher, aber es gibt nicht mehr soviel Falsch und baby steps sind mein neues Erfolgsrezept. Es ist einfach echt. Und viel wahrer als früher. Ich muss nicht mehr fromm lächeln – aber kann, wenn ich will – und mir meine Energie und emotionalen Reserven vom Schlitten klauen lassen. Denn heute passe ich auf mich auf. „Nett ist die kleine Schwester von scheiße“ singt Erobique.

I‘m naughty, not nice. Frohe Weihnacht!

/ Eugen

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