Brief an meine alte Gemeinde

XY-Gemeinde,

ich schreibe diesen Brief nicht, weil ich Streit suche oder Recht haben möchte.

Ich schreibe, weil Schweigen mich krank gemacht hat.

Ich schreibe, weil meine Verletzungen systematisch keinen Raum hatten und ich sie viel zu lang allein getragen habe.

Ich schreibe, weil das, was geschehen ist, real war, auch wenn ihr alles daran gesetzt habt, es kleinzureden, umzudeuten oder mir die Verantwortung zuzuschieben.

In eurer Gemeinde herrschte kein Klima von Freiheit, sondern ein Klima von Anpassung. Wer nicht in einen Hauskreis ging, musste sich rechtfertigen. Wer Grenzen hatte, wurde nicht respektiert, sondern bearbeitet.

Dass der Hauskreis mir nachweislich geschadet hat, war für euch keine Realität, sondern ein Problem. Nicht das Angebot war zu hinterfragen, sondern ich.

Ihr habt offen vermittelt: „Wir brauchen gesunde Christen!“ Was ihr damit meintet, war klar: Menschen, die funktionieren, die leisten, die euren Betrieb aufrechterhalten.

Wer das nicht konnte, war Ballast.

Mich hat verletzt, dass Dienste und Mitarbeit ohne Rücksicht auf Verluste verordnet wurden und ihr damit Menschen zum Dienen „erziehen“ wolltet. Erwachsene Menschen, das muss man sich mal vorstellen.

Gerade erschöpfte Menschen habt ihr als „konsumierend“ oder nicht ausreichend engagiert wahrgenommen, nur weil sie ihre Kapazitäten ernstnahmen. Grenzen und innere Belastbarkeit spielten bei euch keine Rolle.

Ich habe erlebt, wie Menschen, auch ich, in Dienste gedrängt wurden, nicht aus Berufung, sondern damit sie nützlich sind und das System funktioniert.

Ihr habt geistliche Sprache benutzt, um Menschen zu steuern, zu kontrollieren und zum Funktionieren zu bringen. Ihr habt Gott, die Bibel und geistliche Begriffe benutzt, um Anpassung zu erzwingen.

Eure sogenannten Gebetsspaziergänge haben bei mir Unbehagen ausgelöst. Kleine Gruppen liefen durch den Stadtteil, blieben an bestimmten Orten stehen und „beteten sie weg“.

Über Orte und Menschen wurde gebetet, ohne echtes Interesse an den realen Lebensgeschichten dahinter. Komplexe soziale Wirklichkeiten wurden geistlich etikettiert und symbolisch entsorgt. Was für eine geistliche Überhöhung!

Besonders belastend habe ich in Erinnerung, wie ich mit Schuldgefühlen zu euren Veranstaltungen gedrängt wurde, obwohl ich mich selbst genug kannte, um zu wissen, dass ich gar nicht die inneren Ressourcen dazu hatte, diese Dynamiken innerlich auszuhalten. Anstatt mein Nein zu respektieren, wurde mir eingeredet, meine Angst sei vom Teufel und ich müsse sie geistlich überwinden.

Als ich daran zerbrochen bin, habt ihr mich nicht geschützt, ihr habt mich alleingelassen und mich selbst zum Problem erklärt.

Ich habe außerdem erlebt, wie Menschen aufgrund ihrer Sexualität auf Gemeindeabenden öffentlich bloßgestellt wurden. Das war keine geistliche Wahrheit, das war Kontrolle, Beschämung und vor allem Machtmissbrauch.

Kritik war in eurer Gemeinde nicht willkommen. Sie wurde abgewehrt, verdreht und delegitimiert. Ihr sagt: „Wir manipulieren doch nicht!“ Doch! Ihr manipuliert! Massiv und strukturell!

Eure sogenannten Klärungsgespräche waren keine Klärung, sondern Show. Unprofessionell, ungeschickt und vor allem: schutzlos für die Verletzten und bequem für die Verantwortlichen. Was als „Klärung“ angekündigt wurde, endete regelmäßig in Schuldumkehr.

Wenn Menschen gesunde Reaktionen auf ein krankes System gezeigt haben, habt ihr sie zum Problem gemacht! Ihr habt Schutz dämonisiert. Ihr habt gesunde Grenzen entwertet. Ihr habt gegaslightet. Ihr habt Gefühle bagatellisiert. Ihr habt Schmerz theologisch wegerklärt. Nicht, weil ihr es nicht besser wusstet, sondern weil es für euch bequemer war, Menschen zum Schweigen zu bringen, als eure Strukturen zu hinterfragen.

Statt euch dem realen Schmerz von Menschen zu stellen, habt ihr zu geistlichen Abkürzungen gegriffen. Komplexe Erfahrungen wurden vereinfacht, Verletzungen spiritualisiert. Not wurde mit frommen Formeln überdeckt und geistlich übergangen. Statt zuzuhören, wurden Bibelverse zitiert. Was ihr praktiziert habt, war keine geistliche Tiefe, sondern eine Flucht vor ihr.

Euer Umgang mit homosexuellen und neurodivergenten Menschen ist für mich beschämend und maßlos arrogant.

Besonders ekelhaft fand ich eure Heuchelei, Menschen „dienstlich“ zu lieben, aber sie in Wirklichkeit abzulehnen. Glaubt ihr, man merkt euch eure Heuchelei nicht an? Für wie dumm haltet ihr die Menschen denn? Wie unaufrichtig kann man denn sein?

All meine Erfahrungen mit euch haben dazu geführt, dass ich innerlich immer vorsichtiger wurde. Ich hatte ständig das Gefühl, aufpassen zu müssen, was gesagt werden darf und was nicht.

Ich bin wütend darüber, dass ihr euch vor Verantwortung drückt, dass Machtstrukturen nicht reflektiert werden durften, dass Verletzungen als störend galten und ihr massiv Grenzen überschritten habt.

Diese Erfahrungen haben mein Vertrauen in Gemeinde zerstört. Nicht meinen Glauben, sondern mein Sicherheitsgefühl. Mein Inneres hat gelernt, dass geistliche Nähe gefährlich ist, dass geistliche Sprache nicht sicher ist und dass Gemeinschaft verletzt.

Ich schreibe diesen Brief nicht, um eine Antwort zu bekommen, sondern damit diese Wahrheit nicht länger in mir eingeschlossen bleibt. Was geschehen ist, war real. Es war verletzend und hat Spuren hinterlassen.

Eine Entschuldigung kann ich von euch nicht erwarten. Nicht, weil das Geschehene zu klein wäre, sondern weil eine echte Entschuldigung Einsicht, Verantwortung und die Bereitschaft zur Selbstkritik voraussetzen würde. All das habe ich nicht erlebt.

Darum erwarte ich sie nicht und ich brauche sie auch nicht mehr, um meine Wahrheit ernst zu nehmen.

Ihr würdet eh wieder relativieren, euch verteidigen, meine Wahrnehmung geistlich einordnen, mir erklären, dass ich falsch liege und zu empfindlich bin. Denn euer System lässt keine echte Selbstkritik zu.

Und genau deshalb schicke ich euch diesen Brief nicht.

Grüße

Eliana S.

Hier geht es zum Beitrag auf Instagram.