wir sind die Monster
die wir im Miteinander gemeinsam erschaffen haben
fein konstruiert
in sorgsam gesetzten Worten
in Kreisen aus Nähe und Kontrolle
unter Decken aus
theologischer Auslegung
mit jedem klaren Bild
das nur zwei Farben kannte
mit jedem gut gemeinten Wort
ermutigt, ermahnt
einander zugeschliffen
bis wir passten
aber wir merkten nicht
wie wir uns dabei
die Echtheit abschliffen
mit Worten wie zweischneidigen Schwertern
bis auch der letzte Rest
Menschlichkeit
herausgeschnitten war
was blieb
war eine Wunde
die nicht lernte zu heilen
eine Wunde
die mich ausbluten ließ
und während ich verzweifelt versuchte
meinen Blutverlust zu stillen
im Gebet
im Suchen
im Füllen
mit Jesu vergossenem Blut
sah ich die anderen
bewunderte sie
wir können doch nicht alle ausbluten
was erkennt ihr was mir verschlossen bleibt
warum wird euch offenbart
was mir verwehrt ist
ich verstand nicht
aber ich lernte
das Blut umzuleiten
so geschickt
dass niemand es sah
leise
unauffällig
ausbluten
so leise
dass ich es selbst vergaß
bis ich blutleer war
bis nichts mehr blieb
bis ich nicht mehr war
nichts
als perfekt
perfekt funktionierend
perfekt glaubend
perfekt angepasst
blutleer
ich leer
dort
fand ich mich
und erst im Leerlauf
im Zusammenbruch des Systems
merke ich nun
ich darf Mensch sein
dass Gemälde Farbe tragen dürfen
dass Gott sich mit Imperfektion auskennt
mit Flecken
mit Rissen
mit Blut
das nicht geopfert
sondern im Körper behalten
werden will
langsam
löste sich der Satz auf:
„du bist nicht gut
du musst stetig geheiligt werden“
und was an seine Stelle trat
war kein neues Dogma
keine hellere Wahrheit
kein besseres System
sondern Blut
mein Blut
nicht vergeistlicht
nicht vergossen
nicht umgeleitet
sondern geblieben
warm
eigensinnig
menschlich
ich trat aus dem Bild
ließ das Schwarz-Weiß
an der Leinwand zurück
und mit zitternder Hand
nahm ich Farbe
nicht um etwas Neues zu malen
sondern um mich selbst
nicht weiter auszuradieren
vielleicht bin ich nicht heil
vielleicht nicht rein
vielleicht nicht sicher
aber ich bin ich
bin stark
und ich bin schwach
und lebe
und das
ist kein Fehler
/ Minnja
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