Selbstaufgabe bis ins Mark

Hineingeboren in eine freie evangelische Gemeinde und eine Familie, in der der Glaube das Wichtigste war, hatte ich nie Zweifel an dem Weg mit und für Gott. Mit 13 kam dann die missionarische Gruppe eines charismatischen Missionswerks dazu, wo ich das „Wirken des Heiligen Geistes“ kennenlernte und total radikalisiert wurde.

Alle Freizeit, alles Geld, alle Energie, alle Hingabe, alles tiefste Innere… Alles für Gott!
In alle Feriencamps, missionarische Einsätze in diversen Ländern, Hauskreise, Mitarbeit, bald auch Leitungsverantwortung und das geniale Gefühl, von Gott auserwählt zu sein und von ihm „zum Bau seines Reichs“ eingesetzt zu werden.
Ich, die ich als Kind so schüchtern gewesen war und überall nur am Rand gestanden hatte, wurde plötzlich wichtig, hatte eine Berufung. Das machte mich immer mutiger.
Mitschüler*innen, Lehrer*innen und alle Leute außerhalb wurden zu „Missionsobjekten“, denn echte Freundschaften konnte es natürlich nur unter Glaubensgeschwistern geben.

Nach einer beglückend elektrisierenden Phase wurde das Leben immer ernster: 
Mitten in der Nacht oder ultrafrüh morgens aufstehen, um stundenlang Fürbitte, Bibelstudium, Lobpreis zu machen. Mehrfach wöchentlich fasten, Gott alles – inklusive „zeitverschwendender“ Hobbies bis hin zu beginnenden Liebesbeziehungen – opfern. Absolute Offenheit den Leiter*innen gegenüber, indem jede „Sünde ans Licht gebracht werden musste“ – natürlich auch Dinge wie Selbstbefriedigung oder das Schauen eines „schlechten“ Films oder Hören von nichtchristlicher Musik usw…. Jede noch so kleine Entscheidung war vor Gott zu bringen, um im hörenden Gebet Eindrücke zu empfangen, was wann wie zu tun und zu lassen sei…

Mit 20 heiratete ich – natürlich jungfräulich – und wir wählten unsere Ausbildungen im Hinblick auf den Missionsdienst: Ich studierte auf Lehramt, mein damaliger Mann Theologie an einer bibeltreuen Akademie – um für den Dienst, wo auch immer Gott uns hinstellen würde, bestmöglich ausgerüstet zu sein.
Parallel immer, immer, immer Jugendarbeit, noch mehr Verantwortung. Zwischendurch wurden unsere drei Kinder geboren. Missions-Bibelschule, dann als Pastoren-Ehepaar in den Gemeindedienst – zur Vorbereitung für Missions- und Lehraufträge, die folgen sollten.
Als Musikerin leitete ich den Lobpreis, war in der Kinderarbeit, Frauenarbeit, Hauskreisen, im Seelsorgeteam und was sonst noch anstand…
All das geschah immer auch im Hinblick auf Jesu baldige Wiederkunft, die ausstehende Erweckung wie auch die für die Endzeit angekündigte Verfolgung und mit dem Ringen um die Bereitschaft, Gottes Ruf zu jeder Zeit überallhin zu folgen.

Unterm Strich: Über 20 Jahre lang Selbstaufgabe bis ins Mark
Und als mein jüngstes Kind in den Kindergarten kam, wurde ich krank. Erschöpfungs-Depression erstmal… Natürlich kam nur christliche Seelsorge in Betracht, denn weltliche Psycholog*innen und Therapien wären eine Gefahr für den Glauben. 
Aber mit der Zeit wurde mein Zustand immer schlimmer: Der Spagat zwischen dem, was ich glaubte, und dem, was ich erlebte, immer unerträglicher.
Bis zu dem Moment, in dem ich mir endlich erlaubte, vorsichtig zu hinterfragen, ob es nicht vielleicht sein könnte, dass hier irgendetwas grundsätzlich schiefläuft…
Ab diesem Moment konnte ich nur noch hilflos zusehen, wie beim Wackeln an einer einzigen Säule das ganze, riesige Gebäude in sich zusammenfiel: Mein Glaube, der mir ALLES bedeutet hatte, zerrann mir zwischen den Fingern. Ich schrie zu Gott, dass er mich doch nicht verlassen dürfe, weil ich ohne ihn nicht leben könne – wollte nur noch sterben.

Es folgten mehrere Klinikaufenthalte, meine Ehe zerbrach, meine Kinder wurden manipuliert und mir entzogen („Eure Mutter ist jetzt auf dem Weg in die Hölle und ein schlechter Einfluss für euch, deshalb habt lieber keinen Kontakt mehr zu ihr…“), meine eigenen Eltern stellten sich gegen mich. Ich verlor die Gemeinde, die Familie, Freundschaften, meinen Ruf, meine Zukunft. 
Alles, worauf ich mein Leben gebaut hatte, zerbrach.
Schließlich entkam ich mit letzter Kraft und nicht viel mehr als dem, was ich am Leib trug. In meinem Leben war kein einziger Stein mehr auf dem anderen.

Das ist nun 13 Jahre her. Seitdem habe ich einiges nachgeholt, wunderbare Menschen kennengelernt und mein neues Leben aufgebaut.
Zum Glück habe ich inzwischen sogar auch zu jedem meiner Kinder wieder eine liebevolle und tiefe Beziehung.

Ich liebe es, endlich frei von diesen zerstörenden Ge- und Verboten, Ängsten, Urteilen, Drohungen, Ewigkeits-Verantwortungen, Liebes- und Hingabezwängen zu sein.
Ich liebe es, meine eigenen Jas und Neins zu finden und immer wieder neu anzupassen.
Ich liebe es, nicht mehr in dieser unfassbaren Anmaßung zu leben, als wüssten nur „WIR vom Geist Gottes Erfassten“ den einzigen Weg, die Wahrheit und das Leben…
Gleichzeitig trauere ich auch noch immer um so viel Verlust von Nähe, Sinn, Ewigkeit, bedingungsloser Liebe und Zugehörigkeit und leide noch immer unter den so tief in mir verwobenen destruktiven Prägungen, die trotz aller Aufarbeitung wohl immer irgendwie Teil von mir bleiben werden.

Auf dem Weg zur Heilung merke ich, wie gut es mir tut, andere kennenzulernen, die Ähnliches erlebt haben und auch darum ringen, sich aus den zerbrochenen Resten neu zusammenzusetzen. Oder, wie Sartre es ausdrückt:
„Unser Leben hängt davon ab, was wir aus dem machen, was aus uns gemacht worden ist!”

/ Elo

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