Vom Saulus zu Paulus

Vom Saulus zum Paulus – diese Redewendung ist weit verbreitet, wenn es darum geht, eine Kehrtwende zu beschreiben. Für mich war die Entwicklung umgekehrt, ich begann als kleiner Paulus oder besser Pauline: Ich bin am Missionieren, meine Klassenkamerad:innen. Bin selbst noch ein kleines Mädchen. Das geht ein paar Jahre. Ich versuche, die Botschaft von Himmel und Hölle zu verbreiten, um wenigstens ein paar Klassenkamerad:innen vor der Hölle zu retten. Es gibt ja genügend anschauliche Traktate mit angsteinflößenden Bildern von den Strafen, die drohen, wenn man sich nicht bekehrt. Diese Traktate verteile ich. 

Einige Jahre später: Ich gehe mit der Jugendgruppe in einer Kneipe singen und anderweitig dienen für diesen Gott. Gehe auf Jesus-Märsche in Lüdenscheid und Berlin. Mein Vater fragt mich nach Landschulheimaufenthalten, ob ich auch missioniert habe. In  seinen Augen das einzig Wichtige, egal wie jung ich noch bin. 

Viele Jahre vergehen. Dann ziehe ich mich langsam aus der Missionsarbeit zurück. Denn ich bin seit langer Zeit wie erblindet und sehe kein Licht, sehe die Welt nicht, mit ihren Farben, mit ihren Möglichkeiten und all dem was ich darf. Dann liege ich am Boden, Depressionen, Angstzustände, Nacht. Ein Lichtstrahl trifft mich. Vom Himmel wie bei Paulus? Nein, durch ein Buch von Tilmann Moser, in der Psychiatrie entdeckt, es heißt Gottesvergiftung. Ganz langsam öffne ich meine Augen und beginne zu sehen. Und jetzt komme ich an im Leben: Vom Paulus zum Saulus. Nein ich will die Christ:innen nicht verfolgen, wie Saulus es einst tat. Ich will nie mehr missionieren, für gar nichts. Aber ich will mich dafür einsetzen, dass Kinder geschützt werden vor dieser „frohen Botschaft“ von Himmel und Hölle, von Gott und Teufeln, von Dämonen und Geistern. Ich will etwas dazu beitragen, dass diese Kinder frei leben dürfen, frei atmen dürfen, frei denken und fühlen und sich bewegen dürfen, ohne Angst und Schrecken. Und nein, ich habe nicht vor, einmal den Märtyrertod für Christus zu sterben, wie Paulus es einst tat. Ich habe genug gelitten, seelische Folter aufgrund eines Glaubens, in den ich hineingeboren wurde und den ich mir nicht ausgesucht habe. Und ich ziehe sie zurück, die kleine Kinderhand, die ich bereits ins Feuer gehalten hatte, die kleine Seele, die sich schon mit Folter und Märtyrertum auseinandergesetzt hatte. Ich schwöre heute freimütig meinem Glauben ab, meine Hand und meine Seele gehören mir. Was für eine Befreiung. Farbe kommt in mein Leben und Bewegung. Schade nur, dass ich diesen Weg vom Paulus zum Saulus nicht schon etwas früher gegangen bin…

Aber ich hoffe ich habe noch genug Zeit, mein Leben einfach zu leben und auch zu genießen. Das ist meine Geschichte – andersherum, nicht vom Saulus zum Paulus, sondern von Paulus zum Saulus. Oder von Pauline zu Erja. Erja, die Freigeborene.

Erja

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