Zwischen Drinnen und Draußen

Man lehrt dich früh, die Welt zu teilen.
Hier: Das Licht
Dort: Die Finsternis

Hier: Wir
Dort: Sie

Hier: Wahrheit
Dort: Verirrung

Du lernst, mit Jesus im Herzen und einem Buch in der Hand gegen die Welt zu stehen. Nicht in ihr, sondern dagegen
Die Welt draußen ist laut, verwirrend, verführt.
Sie ist zu stolz, zu egozentrisch, glaubt an falsche Dinge, wie Liberalität, Autonomie, Zwischentöne.
Drinnen aber ist Ordnung, Klarheit, Gehorsam.

Man sagt dir:
Freiheit ist eine Lüge.
Autonomie ist Stolz.
Liberalität ist Verrat. 

Und so öffnet sich ein Spalt.
Ein geistlicher Riss
durch dein Denken,
durch dein Fühlen,
durch dein Dasein.
Du stehst mit einem Fuß in der Welt, in der du lebst, studierst, liebst, denkst –
und mit dem anderen in einer Wirklichkeit, die diese Welt für „gottlos” erklärt.
Alles wird Kampf.
Nicht nur Ideen, sondern auch Menschen.
Nicht nur Argumente, sondern auch Identitäten,
Geschlechter, Beziehungen, Körper, Fragen –
alles wird zum Beweis für Verfall.
Die Welt ist „verrückt”, sagt man dir.
Und irgendwann fragst du dich, ob du es bist, weil du nicht mehr weißt, wo du hingehörst. 

Man erklärt dir, dass der Teufel wirkt –
in Debatten, in Universitäten, in Kirchen, in Gedanken, die zu weich erscheinen.
Und plötzlich bist du misstrauisch gegen dein eigenes Denken,
gegen dein Mitgefühl, gegen dein Fragen.
Denn vielleicht ist das schon Schwäche. Vielleicht ist das schon ein Angriff des Teufels.

Aber dieser Dualismus macht müde, denn er erlaubt kein Dazwischen, kein Ringen, kein Wachstum.
Er kennt nur richtig oder falsch,
treu oder lau,
gehorsam oder gefallen. 
Und so wird Glaube zur Haltung der Abwehr, nicht der Begegnung.
Zu einem ständigen Dagegensein.
Du kämpfst gegen die Welt, 
gegen den Zeitgeist, 
gegen andere Christ*innen –
und irgendwann auch gegen dich selbst. 

Aber was, wenn Gott nicht nur drinnen wohnt?
Was, wenn Wahrheit nicht zerbricht, weil man sie atmen lässt?
Was, wenn Liebe keine Angst hat vor Grautönen?

Der Dualismus verspricht Sicherheit, aber er kostet Nähe.
Er verspricht Klarheit, aber er nimmt Atem.
Er will dich bewahren und sperrt dich ein.
Und irgendwann stehst du zwischen Drinnen und Draußen und merkst:

Nicht die Welt hat dich zerrissen, sondern die Trennung selbst. 

/ Maria

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