Es wird die Freikirchen verändern

Dekonstruktion – ursprünglich ein Begriff aus der Literaturtheorie – mittlerweile ein zentraler Begriff in der ex-evangelikalen Community und in freichristlichen Kreisen ein Schreckenswort. Immer mehr evangelikale Pastor:innen beginnen, die exvangelical-Welle kritisch zu kommentieren. Sie meinen, ihre Schützlinge entweder vor Dekonstruktion warnen zu müssen, oder versuchen ihnen zu sagen, wie man sie angehen soll, damit am Ende das in ihren Augen Richtige herauskommt. Manchmal wird von Dekonstruktion gesprochen, als würde es „zielloses Zerstören und Niederreißen von allem, was man geglaubt hat“ oder „sich entschließen, nicht mehr an Gott glauben zu wollen“ bedeuten.

Das macht mich traurig, weil ich aus meinen eigenen Erfahrungen und den von vielen anderen Personen, die einen solchen Prozess hinter sich haben, Dekonstruktion ganz anders wahrnehme und darin so viel Potenzial sehe. Ich erinnere mich gut daran, wie es sich damals angefühlt hat, als die Zweifel immer lauter wurden, als meine große Reise des (Hinter-)Fragens begonnen hat. Ich hatte weder Werkzeuge, um diese Reise konstruktiv anzugehen, noch hatte ich Worte, um diesen Prozess zu benennen. „Hilfe, ich zweifle“, „Bin ich etwa eine von denen, die in den letzten Tagen vom Glauben abfallen?“, „Komme ich vom rechten Weg ab?“ – das war die einzige Art von Vokabular, das mir nach meinem Aufwachsen in der Freikirche für meine damaligen Gefühle zur Verfügung stand.

Als ich dann auf die amerikanische Reddit-Community der exvangelicals gestoßen bin und den Begriff deconstruction entdeckt habe, war es für mich wie ein großes Aufatmen. Da waren auf einmal so viele andere, da waren Lebensgeschichten, die Hoffnung machten… und da war ein Begriff, der Freiraum lässt, den man für sich persönlich interpretieren darf, ohne dabei den Beigeschmack von drohender Hölle und Verdammnis zu haben: Dekonstruktion. Meine Lieblings-Definition von Dekonstruktion im Sinne des Begriffsurhebers (Jacques Derrida) ist folgende: „Essentially, deconstruction means dismantling our excessive loyalty to any idea and learning to see the aspects of the truth that might lie buried in its opposite.“ (The School of Life: Jacques Derrida)

Nach 21 Jahren in diesem Glaubenssystem, das mir seit Tag 1 als die absolute Wahrheit präsentiert worden war und jeden Aspekt meines Lebens definierte, habe ich mich also auf den Weg gemacht und meinen Blick auf all die Dinge gerichtet, vor denen ich mein Leben lang – bewusst und unbewusst – die Augen verschlossen hatte. Ein auf ein Glaubenssystem bezogener Dekonstruktionsprozess heißt für mich zu fragen:Warum glaube ich die Dinge, die ich glaube? Auf welche Schlüsse komme ich, wenn ich mich selbst kritisch mit meinem Glauben befasse? Was passiert, wenn ich die Bibel aus historisch-kritischer Perspektive lese? Warum habe ich Angst vor den Dingen, die gegen meine Überzeugungen sprechen? Was sagt die Wissenschaft? Was fühlt mein Herz wirklich? Was kann ich von Menschen lernen, die in meinem Glaubenssystem als die diejenigen gelten, die im Unrecht sind? Wie sind sie zu ihren Überzeugungen gekommen und wie wirken sie sich auf ihr Leben aus? Und dann: ein Loslassen von Glaubensinhalten, die man nicht mehr länger tragen kann. Von Einstellungen, die Dissonanzen erzeugen, die man aus kindlicher Prägung unhinterfragt übernommen hat, die Angst gemacht haben, die nicht lebens- und menschenbejahend sind.

Für Menschen wie mich, die in einem so starren Glaubenssystem wie dem freichristlichen aufgewachsen sind, kann dieser Prozess meiner Ansicht nach nur ein Gewinn sein. Er kann viel der freien Entscheidung, die vielen von uns Gemeindekindern nie zuteil wurde, wieder zurückgeben. Ich weiß heute, dass mein Glaube, den ich blind von Kindestagen an übernommen  und nie gründlich hinterfragt hatte, kein mündiger Glaube war, sondern das Produkt von Indoktrination. Das zu realisieren und mich auf den Weg zu machen, war schmerzhaft – an manchen Tagen fühlte es sich so an, als würde ich den Boden unter den Füßen verlieren, als würde mir mein altes Lebensfundament wie Sand durch die Finger laufen. Aber es war es wert. Denn ich habe entdeckt, dass außerhalb meiner altvertrauten „absoluten Wahrheit“ tatsächlich Schätze vergraben liegen und dass das Leben so viel mehr zu bieten hat, als ich geglaubt habe.



Dekonstruktion ist nicht mit „Atheist:in werden“ gleichzusetzen. Ja, für manche bedeutet Dekonstruktion tatsächlich das Ende des Glaubens, weil an die Stelle des Glaubens etwas Neues tritt. Für andere beginnt durch diesen Prozess eine spirituelle Reise. Und für viele bedeutet Dekonstruktion eine Reise zu einem neu gelebten (christlichen) Glauben, ein Glaube mit Weitblick und einer großen Portion Offenheit. In jedem Fall ist da am Ende nicht „nichts“.

Ich sehe in diesem Prozess so viel Schönheit und Chancen. 
Dass evangelikale Pastor:innen mit Unbehagen darauf schauen, ist verständlich – denn ja, es wird die Freikirchen verändern. Viele Menschen werden sich verabschieden. Andere werden mit einem veränderten Glauben zurückkommen. Ich wünsche mir, dass Pastor:innen ihren Schützlingen mehr Entscheidungs- kompetenz zutrauen. Weil wir alle mündige Menschen sind und eine freie Entscheidung verdient haben.

Sarah

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