Wir schauen uns in die Augen

Schon am Eingang zur Ausstellung „Antike im Blick“ habe nicht nur ich etwas im Blick, sondern Etwas auch mich. Ich schaue auf das Plakat und die darauf abgebildete Augenschale. Und auch in der Ausstellung selbst sehe ich sie als erstes an und sie schaut zurück.

Noch während ich über den klaren Blick ihrer Augen staune, fange ich an zu gleiten, erst langsam, dann immer schneller und auf einmal bin ich wieder das kleine Mädchen, das eifrig zu eingängiger Melodie in der Kinderstunde das Lied: „Pass auf, kleines Auge, was du siehst…“, mitsingt. Die Kinderstundentante, wie wir sie nennen, macht dazu Handbewegungen, die den Liedtext bebildern sollen. Viele kleine Kinderhände mühen sich, so gut sie können, mitzumachen. „Denn der Vater in dem Himmel schaut herab auf dich, pass auf…“. Wir Kinder zeigen zum Himmel, dann beschatten wir mit der Handfläche unsere Augen und schauen aufpassend umher.

Weiter singen wir: „Pass auf, kleines Ohr, was du hörst… Pass auf, kleiner Mund, was du sprichst… Pass auf, kleiner Fuß, wo du gehst… Pass auf, kleines Herz, was du glaubst, denn der Vater in dem Himmel, schaut herab auf dich, pass auf…“.

Die schönen, großen, wahrnehmenden Augen auf der Schale verändern sich, ihr Blick wird fester, härter, beobachtend, prüfend, tadelnd. Sie sind nicht mehr rund und staunend, sondern länglich, streng blickend. Argusaugen, ihnen entgeht nichts. So war es, so ist es, so wird es sein, von Anbeginn der Zeit bis in alle Ewigkeit. Es gab und gibt kein Entrinnen, nur die völlige Überwachung.

Und da sollten wir Kinder an einen Gott der Liebe glauben? Das gelang uns nicht. Die Argusaugen waren zu mächtig und passten zum Elternhaus, zu des Vaters strengen Augen, die alles sahen, zu Mutters bösem Blick, der uns drohte. Alles, was wir Kinder sahen, hörten, sagten, taten, wohin wir gingen, was wir glaubten und was wir meinten zu werden, wussten und beobachteten die Augen von dem Gottvater, dem irdischen Vater und der irdischen Mutter, so dass der letzte Vers des Kinderliedes „Pass auf, kleines Ich, werd’ nicht groß!“ Wahrheit wurde und blieb.

Langsam tauche ich wieder auf. Die Argusaugen werden kleiner, verschwinden. Und die Augen der antiken Schale schauen sanft, rund, weich, staunend und wahrnehmend, einfach nur wahrnehmend, so scheint es mir, in die Welt. So schöne Augen!

Wieso sollten sie oder sonst jemand mich beobachten, beurteilen, verurteilen? Für was? Dafür, dass ich bin, die ich bin?

/ Gudrun

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