Wo soll ich anfangen, wenn es um das geht, worin ich aufgewachsen bin? Was mir jahrzehntelang als einzige Wahrheit eingeimpft wurde, obwohl ich bereits als Kind Ungereimtheiten sah? Wenn allein das Nachfragen Angstattacken auslöst, weil jeder Zweifel zur unweigerlichen Verdammnis in die Hölle führen würde?
Bereits im Kindergarten litt ich unter Angstattacken und meine erste Psychose hatte ich in der Grundschule. Aber es wurde abgetan, weil es nicht sein durfte Darüber sprechen konnte ich auch nicht, weil es dann geheißen hätte, ich sei vom Teufel besessen oder würde nicht genug glauben. Aber ich stellte mir bereits damals mit acht Jahren viele Fragen. Ich sah, was meine Eltern redeten, wie sie nicht danach handelten, aber vor allem sonntags besonders fromm taten. Die Sonntage waren für mich die schlimmsten Tage. Ich durfte so gut wie nichts tun, weil der Sonntag heilig war. Gleichzeitig waren es die Tage mit den größten Lügen.
Also wuchs ich auf zwischen Heilig sein und Lügen, zwischen Reden und Nichttun von dem, was sie redeten. Und in dem Glauben, dass ich als Frau nur eine Hure wäre, egal wie fromm ich auch wäre. Daran würde sich nie etwas ändern, Frauen wären absolut wertlos, außer unter der Kontrolle eines Mannes. Meine Aufgabe wäre es, einem Mann zu dienen, Kinder zu bekommen und den Haushalt zu führen. Eigene Entscheidungen treffen? Als Frau wäre ich dazu nicht in der Lage, man hat es ja an Eva gesehen. Ein Mann müsste die Verantwortung übernehmen, als Frau hätte ich immer zu schweigen und nur zu nicken.
Vor etwa 25 Jahren habe ich dem Ganzen den Rücken gekehrt, zumindest aktiv was das Besuchen und den Kontakt zu den Leuten in der Kirche angeht. Leider sind viele meiner Verwandten noch immer in der Gemeinschaft, was es mir schwer macht, wirklich komplett die Berührungspunkte zu vermeiden. In meiner Kindheit kam noch dazu, dass mein Patenonkel als Laienprediger unterwegs und extrem fundamentalistisch war. Wie sehr er mich tatsächlich unter Druck gesetzt und geistlich misshandelt hat, habe ich an seinem Todestag gemerkt. Für mich war es der glücklichste Tag in meinem Leben, an dem ich von morgens bis abends gelacht und getanzt habe, weil ich mich um mehrere Tonnen Last befreit fühlte. Ich habe mich deswegen nicht schuldig gefühlt, sondern es einfach so angenommen und mich stattdessen gefragt: Was hat der Mensch mir angetan, dass ich auf diese Art reagiere?
Heute weiß ich es, obwohl ich glaube, dass ich vermutlich viel tiefer verletzt bin, als ich es begreifen kann. Meine ehemalige Therapeutin sagte einmal, dass das, was mir in dieser Kirche als Frau angetan wurde, einer Vergewaltigung gleichkommt, auch wenn ich körperlich wohl unversehrt bin (es gibt eine Situation, an die ich keine Erinnerungen habe außer tiefste Schwärze und Gefühle der absoluten Überfordung, Angst und das Wissen, dass innerhalb von wenigen Sekunden meine Kindheit aufgehört hat. Ich war damals 5 Jahre alt). Meine Seele ist vernarbt, und jetzt weiß ich, dass jegliche Misshandlung bereits mit Worten anfängt. Worte können mehr weh tun als körperliche Schläge und schlimmere Wunden hinterlassen. Und das alles im Namen Gottes und mit Worten aus der Bibel. Es gab niemanden, an den ich mich damals wenden konnte, da jeder Kontakt mit anderen Menschen nur mit Leuten aus der Kirche war. Mit Menschen „aus der Welt“ durfte ich nicht sprechen, also vermied ich schon im Kindergarten jegliche Begegnung mit ihnen, soweit es möglich war. Und mit Jungen durfte ich mich eh nicht unterhalten, weil ich könnte ja alleine dadurch schwanger werden (mit 5 Jahren…).
Und heute? Auch heute habe ich kaum Freunde, habe Angst vor anderen Menschen, analysiere ständig meine Umgebung auf irgendwelche Gefahren hin, vertraue mir selbst und erst recht Anderen nicht. Seit fast 20 Jahren bin ich wegen Depressionen und Angstattacken erwerbsunfähig. Meine Gedanken drehen sich immer noch so oft um das, was durch die Gehirnwäsche als Kind und Jugendliche in meinem Kopf verankert ist und um das, was ich mittlerweile selbst als falsch erkannt habe und um meine Wirklichkeit. Und ich frage mich: Wo soll ich anfangen? Wo enden? Wo ist der Anfang von all dem Leid? Gibt es ein Ende davon für mich? Und was ist überhaupt die Wirklichkeit? Was ist die Wahrheit?
/ Kerstin
Hier geht es zum Beitrag auf Instagram.
