Der Zwang christlicher Doppelmoral

„Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.”

Ein Satz, der überall gepredigt wird. Seltsamerweise werde ich aber von Christ*innen am meisten verurteilt.

Ich habe das schleichende Gefühl, es dreht sich in Gemeinden alles irgendwie ums Bewerten und Verurteilen. Natürlich nicht offen gepredigt. Ach, du bist auch Christ? Welcher Christ? Wie echt? Wie benimmst du dich? Wie sieht die Kleidung, die Frisur etc. aus? Oje, aus dieser Gemeinde? Wir sind die Cooleren. Wir die Echteren. Wer bringt sich wie viel ein? Wer geht noch zu wenig über seine Grenzen?

Daraus der Umkehrschluss zu mir. Wie zeige ich mich, wie benehme ich mich? Bin ich zu jeder Zeit ein Vorbild? Aber ein Vorbild für was? Der totalen Selbstentfremdung? Einer Illusion, die mir gepredigt wird:absolutes Einssein. Denn wirklich leben kann ich diese Illusion nicht. Lebt sie wirklich irgendwer vollständig, ohne am Ende komplett abgehoben bis fast psychotisch zu sein? Immer im Konflikt mit mir selbst. Immer unter Beobachtung – von Christ*innen, Familie und vor allem von Gott. Aus diesem Gefühl heraus denke ich, jeder beobachtet mich, ob Kolleg*innen, im Supermarkt oder sonst wo. Deswegen verhalte ich mich auch so. Verstecke meine Handlungen, mein Wesen. Erzeuge eine weitere Illusion für andere.

Um heiliger zu wirken, kann ich in der nächsten Gebetsrunde oder gar Interview mein Familienmitglied oder Freunde richten, indem ich aus Angst um dessen Seelenheil laut verkünde, dass dieser und jener leider noch nicht gerettet ist, der Finsternis folgt. Nein, das ist doch kein Steinwurf –nur ein ganzer Felsbrocken.

Denn klar doch. Wir sind die einzig wahre Gemeinde, Gott befiehlt es mir!

Ich habe gelernt, in Schubladen zu denken. Nicht erst mal zu fühlen und mein Gegenüber neutral wahrzunehmen. Jeder Begegnung geht ein kompletter Denkprozess voraus. Vorverurteilung. Es macht mich müde. Erzeugt Angst. Erschwert entspannte Kontakte.

Jetzt, Jahre nach meinem Ausstieg, erkenne ich erst dieses Muster. Denn es hat mir nach meinem Ausstieg weiter „Sicherheit“ gegeben. Hab nichts anderes gekannt.

Aber ja, Christ*innen begegnen jedem mit ach so viel Liebe. Aber nirgendwo werde ich seit meinem Ausstieg so viel verurteilt. Denn sie wollen ja nur mein Seelenheil. Danke, aber mein Seelenheil liegt sicherlich nicht in dieser Scheinerlösung.

Ja, ich selbst war ja auch in diesem Denken, in dieser Angst. Freundlich, DAMIT DU DICH BEKEHRST, DU SÜNDER!!! Dabei war ich vollständig verzweifelt, am Verurteilen meines Selbst, damit ich nur nicht in die Hölle komme. Ein Steinwurf in alle Richtungen,  von denen viele  mich selbst treffen. Der Preis? Nur regelmäßig Albträume und permanente Angst.

Hat Jesus, wenn es ihn so gab, das alles wirklich so gemeint mit seiner Nachfolge?

Endlich kann ich lernen, Menschen neu zu begegnen und dabei mein Nervensystem zu entspannen. Ich bemühe mich jetzt, weniger Steine auf mich selbst zu werfen. Tut doch ganz schön weh!

/ Benjamin

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