Mein Weg aus dem evangelikalen Christentum

Content Note / Inhaltshinweis: psychische Erkrankungen

Vor einigen Jahren fand ich während einer durch Cannabiskonsum ausgelösten Lebenskrise, in der ich mich schlecht fühlte, zum evangelikal-christlichen Glauben und ließ mich taufen. Der Glaube gab mir Halt, und schon bald begann ich, mich besser zu fühlen.

Von da an folgte das volle Programm: Ich besuchte eine Freikirche, studierte intensiv die Bibel und nahm regelmäßig an einem Hauskreis teil. Ich wollte ein Leben führen, das Gott ehrt. Nach christlichem Verständnis hatte ich mich klar bekehrt.

Im Sommer vor zwei Jahren folgte ein großer Einschnitt. Nach meinem Abitur wollte ich Gott zur Ehre eine Stelle im sozialen Bereich antreten. Ich musste die Ausbildung jedoch schnell abbrechen, da ich in eine schwere psychische Krise mit Panikattacken und ausgeprägten psychosomatischen Symptomen geriet.

In dieser Zeit erlebte ich zum ersten Mal, welche Wirkung meine täglichen Gebete, die Salbung in der Gemeinde, das Aussprechen von Bibelversen oder die Fürbitte anderer hatten: nämlich keine. Als der Placebo-Effekt nachließ, weil ich merkte, dass der Glaube nicht mehr trug, stand ich allein da.

Aus dieser Krise musste ich mich selbst herauskämpfen. Aus meiner Gemeinde zeigte kaum jemand echtes Interesse an meinem Zustand. Die einzigen Menschen, die mir aufrichtig beistanden, waren Ungläubige.

Dennoch lebte ich meinen Glauben im folgenden Jahr konsequent weiter. Die Krise deutete ich als etwas, das Gott mir aus einem bestimmten Grund zugemutet hatte.

Im Jahr 2025 arbeitete ich mich Schritt für Schritt zurück ins Leben. Doch im Herbst traf mich die nächste Krise: existenzielle Angst, eine tiefe Depression sowie Schlafstörungen, Appetitverlust und Antriebslosigkeit. Wieder betete ich zu Gott, doch nichts änderte sich. Ich wurde nicht durch diese Zeit getragen, sondern musste erneut allein hindurch.

Dabei hatte ich nie erwartet, dass Gott alle Ängste verschwinden lässt oder mich sofort heilt. Ich hoffte lediglich, dass er mich so trägt, dass diese Zeiten zumindest erträglich sind. Aber das waren sie nicht.

Dann folgte ein weiterer schwerer Schicksalsschlag: Mein Kater, zu dem ich eine sehr enge Bindung hatte und der mich besonders während meiner psychischen Leiden begleitet hatte, starb infolge einer Operation. Mit ansehen zu müssen, wie ein geliebtes, unschuldiges Tier leidet und stirbt, erschüttert einen tief. Dann hörte ich von einem Theologen, Tiere hätten kein ewiges Leben, sondern würden einfach ausgelöscht.

Dann begann das Jahr 2026.

Mitte Januar überfiel mich plötzlich die Angst, die „unvergebbare Sünde“ begangen zu haben und deshalb für immer verloren zu sein. Wer mehrere Jahre fest in diesem Glaubenssystem gelebt hat, kann sich vorstellen, wie real sich eine solche Angst anfühlt. Es war die schlimmste Angst meines Lebens. Die Vorstellung einer ewigen Hölle gehört psychologisch zu den zerstörerischsten Ängsten überhaupt.

Die folgenden zwei Wochen wurden zu den schwersten meines Lebens. Mein Alltag bestand aus schwerer Depression, massiven Angstattacken, Appetitproblemen und Schlafstörungen. Rückblickend empfinde ich diese Zeit als zutiefst traumatisch.

Das Schlimmste war, dass ich beim Versuch, meine Seele durch Bibellesen zu beruhigen, auf eine weitere Bibelstelle stieß, die mir ebenfalls große Höllenangst bereitete.

Welcher Gott sollte zulassen, dass sein Kind wegen einer Bibelstelle völlig zerbricht?

Ich versuchte alles: Ich betete, sprach mit unserem Pastor und suchte nach einer kognitiven Klärung. Mehrere Menschen versicherten mir, dass ich nicht betroffen sei.

Doch eine solche Angst lässt sich nicht einfach wegargumentieren – sie sitzt nicht auf der kognitiven, sondern auf der emotionalen Ebene.

Von Gott erlebte ich nichts als Schweigen. Es trat weder eine spürbare Besserung ein, noch wurde ich innerlich dazu befähigt, die Situation zu ertragen.

In dieser Zeit begann ich, mich intensiver mit Bibelkritik auseinanderzusetzen. Dabei stellte ich fest, dass vieles keineswegs so eindeutig ist, wie es mir zuvor erschienen war. In der evangelikalen Bubble begegnet einem zudem häufig Halbwissen, nicht selten auch Unzutreffendes.

Heute, im Juli 2026, habe ich mich nicht bewusst von Gott abgewendet. Aber meine Vernunft kann nicht mehr an die Existenz eines liebenden Schöpfers glauben. Es ist kein „Ich will nicht mehr glauben“, sondern ein „Ich kann nicht mehr glauben“ – sowohl emotional als auch intellektuell.

Dennoch leide ich manchmal darunter. Jede Konfrontation mit der Bibel, Predigten oder streng gläubigen Menschen löst in mir Unruhe bis hin zu Panik aus.

Es gibt Phasen, in denen sich die Angst auf vermeintliche Gottesbeweise stürzt: „Was, wenn es doch wahr ist?“ Dann beginnt mein Herz zu rasen, ich verliere den Appetit und gerate in Recherchespiralen, die meine Angst immer weiter verstärken.

Ist das Gottes Wille?

Ich betete mehrfach nach dem Verlassen des Glaubens aus tiefstem Herzen zu Gott und bat ihn, mich wieder recht zu leiten und mir zu vergeben. Selbst danach durchlitt ich erneut eine schwere Angst aufgrund eines angeblichen Wahrheitsbeweises für die Bibel.

Meine Bibeln habe ich mittlerweile entsorgt. Den Kontakt zur evangelikalen Szene habe ich eingestellt.

Ich bin in Therapie und blicke nach vorne. Mein ganzes Leben liegt vor mir, und ich werde es mir nicht von einer religiösen Angst nehmen lassen, die auf Texten gegründet ist, die Menschen vor Jahrtausenden geschrieben haben, von denen einige dachten, dass die Erde eine Scheibe sei und es richtig ist, andere Menschen aufgrund ihrer Verfehlungen zu steinigen.

Unterm Strich: Ich weiß nicht, ob es Gott gibt. Niemand weiß das. Aber wenn es ihn gibt, dann kann es für mich kein Gott sein, der seine fehlbaren Geschöpfe wegen einer falschen Entscheidung in einem endlichen Leben mit unendlicher Folter bestraft.

Und wenn es dir gerade ähnlich geht oder du selbst mitten in einem Dekonstruktions- oder Ausstiegsprozess steckst: Halte durch. Es wird Tage geben, an denen die Angst zurückkommt. Aber du bist damit nicht allein. Mit der Zeit kann der Nebel sich lichten und Schritt für Schritt wieder Ruhe einkehren. Lass dir Zeit, such dir Menschen, die dir guttun, und verliere die Hoffnung nicht. Ich wünsche dir von Herzen, dass du deinen eigenen Weg in Freiheit findest.

/ anonym

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