Haus in Flammen

Wenn du in einem brennenden Haus geboren wirst, denkst du, die ganze Welt steht in Flammen. Aber das tut sie nicht.

Als ich mir dieses Zitat aus einem Buch, das ich gar nicht gelesen habe, tätowieren ließ, wusste ich noch gar nicht, wie sehr und wie oft ich das immer wieder lernen muss. Auch noch heute.

Ich merke, auch vier Jahre nach dem Ausstieg schaue ich noch an jeder Ecke nach Gefahr. Ich habe immer noch Angst, wenn ich sage, dass ich queer bin, aber die Angst hat sich auch in alle anderen Bereiche meines Lebens gefressen.

Was, wenn es diesmal nicht „ich stehe auf Frauen“ ist, das alles kaputt macht? Was, wenn ich eine Sache sage, die doch eine genauso kleine Kleinigkeit ist, und dann schon wieder höre, dass ich jetzt nicht mehr dazugehöre? Dass ich genau die Sache gesagt habe, die ich nicht hätte sagen dürfen? Was, wenn mich alle verlassen, was, wenn ich selbst nie lerne, dass ich irgendwann nicht mehr weglaufen muss und alle von ganz allein verlasse? Wo ist Gott, wenn ich mich ganz allein und ganz einsam fühle, und gar nicht mehr an ihn glaube?

Das sind Fragen, die ich meinen Freund*innen stellen kann, und auf die meist eine Umarmung folgt. Oder ein „ich lasse dich nicht allein“ oder ein „bei mir bist du sicher“, „hier darfst du sein“.

Die Welt ist so viel liebevoller als es immer in der Bibel stand. So viel besser. Bedingungslose Liebe kommt nicht von Gott, der hat gelogen, sondern bedingungslose Liebe kommt von den Menschen, wenn man es zulässt, dass sie einem nahekommen.

Bedingungslose Liebe steckt in „ich sage dir in fünf Jahren nochmal, dass wir uns dann immer noch nahestehen“. Bedingungslose Liebe steckt in „ich spüle deine Pfanne mit, okay?“. Bedingungslose Liebe steckt in „ich bringe dir einen Kaffee mit“ oder in „war schön dich zu sehen“ oder in „ich fand mutig, dass du dich getraut hast, was zu sagen“. Bedingungslose Liebe steckt in  „für das schöne Gespräch mit dir war es mir wert, zu wenig zu schlafen und müde aufzuwachen“.

Die Welt steht gar nicht in Flammen, sondern die Welt ist weich und schön, und die Welt hat mich aufgenommen, als die Kirche mich nicht mehr wollte.

Und ich muss auch nicht für immer in Flammen stehen, sondern ich kann zusehen,  wie die Welt mich Stück für Stück löscht, wie Wunden heilen, und wie ich hoffentlich eines Tages keine Angst mehr habe, und nicht mehr weglaufen muss.

Wenn du in einem brennenden Haus geboren wirst, denkst du, die ganze Welt steht in Flammen. Aber das tut sie nicht. Und das musst du nicht.

/ anonym

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