Die Scham muss die Seite wechseln

Der Satz „Die Scham muss die Seite wechseln“ – geprägt von Gisèle Halimi und weltbekannt durch Gisèle Pelicot – fordert eine radikale Umkehr im Umgang mit sexualisierter Gewalt.

Doch dieser Satz ist mehr als das Vermächtnis eines einzelnen Missbrauchsprozesses. Er ist ein universelles Prinzip der Befreiung überall dort, wo Menschen durch Macht und Manipulation kleingehalten werden.

Genau dieselbe Dynamik der Schuldumkehr lässt sich in manchen dogmatischen, christlichen Kreisen beobachten.

Wenn Menschen den Mut aufbringen, eine toxische Gemeinschaft zu verlassen, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen, passiert oft etwas Erschreckendes: Nicht die Gemeinschaft hinterfragt sich selbst – sondern die Aussteiger*innen werden geächtet. Ihnen wird vorgeworfen, sich gegen Gott aufzulehnen, vom Glauben abgefallen zu sein und nun „in Sünde“ zu leben. Das Umfeld fordert, dass sie den Kopf senken. Sie sollen sich schämen. Doch hinter dieser vermeintlich moralischen Erhabenheit verbirgt sich eine tiefe Perversion. Es geht hier nicht um Glaube, Liebe oder Gott. Es geht einzig um Macht und Kontrolle.

Das folgende Gedicht thematisiert diesen geistlichen Missbrauch und gibt all jenen eine Stimme, die viel zu lange in der Täter-Opfer-Umkehr gefangen waren.

„Die Scham muss nun die Seite wechseln“,
sprach eine Frau und brach die Nacht.
Sie trug nicht mehr die Schuld der Täter,
hat deren Schweigen stumm gemacht.

Doch diese Scham wird oft erzwungen,
wo Glaube starr als Dogma droht.
Wer geht, um endlich frei zu leben,
sieht sich verdammt und in der Not.

Man nennt es Sünde, spricht von Abfall,
verdammt das Herz, das mutig flieht.
Doch wer mit stummer Kälte straft,
verkennt, was wirklich dort geschieht.

Nicht der ist schuldig, der sich rettet
aus falscher, enger Tyrannei.
Die Schande liegt bei den Tyrannen.
Die Scham zieht um. Das Herz ist frei.

/ anonym

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