Wenn du in einer Sekte aufwächst, hast du ein sehr stark eingeschränktes Weltbild. Du übernimmst automatisch die Sicht auf die Welt, die du vorgelebt bekommst. Sekten arbeiten sehr oft mit Schuld, Scham, Druck und Angst. Einem Kind wird somit von Anfang an beigebracht, dass es als Sünder*in zur Welt kam und somit schlecht ist, der Teufel immer hinter ihm her ist, und es nur einen falschen Gedanken oder eine falsche Tat braucht, um auf den falschen Weg zu kommen.
Du wächst also mit Bibel, Gemeinde oder sonstigen engmaschigen Dogmen auf.
Deine Entwicklung stellt sich automatisch hinten an, sie passt nicht ins Bild. Das Einzige was zählt, ist Gottestreue, Demut und die Regeln deiner Kirche. Wie oft hast du als Kind Gedanken gehabt von: Stimmt das alles, was ich hier sehe? Kann ich damit übereinstimmen? Will ich das?
Ich hatte diese Gedanken oft, aber ich habe sie nie zugelassen, weil Strafe drohte. Weil es dann hieß, ich würde zu wenig glauben, der Teufel sei schon in mir, oder noch schlimmer. Ich alleine wäre verantwortlich für das Wohl der Kirche und mit solchen Gedanken würde ich alle Menschen gefährden.
Wenn du dann den Ausstieg geschafft hast, bist du in der bösen Außenwelt auf dich alleine gestellt. Dir wurde ja von Anfang an beigebracht, dass die Außenwelt schlecht ist. Dass Menschen, die NICHT glauben, des Teufels sind. Wie überlebst du das? Du tust das Einzige, was du kannst, du isolierst dich, schottest dich ab. Du fühlst dich einsam und alleine. Dazu kommen die Schuldgefühle ausgestiegen zu sein.
Ein Teufelskreis. Das Einzige, was bleibt, ist dich irgendwie in dieser neuen Welt zurechtzufinden.
Ausstieg hört nicht auf, wenn du draußen bist, er fängt dann erst richtig an.
Allen, die das hier lesen, und immer noch auf eigenen Beinen stehen, möchte ich sagen: Ich habe großen Respekt vor euch, dass ihr das alles schafft. Viele Aussteiger*innen haben Angst, in eine Therapie zu gehen. Angst wieder abhängig zu werden, nicht verstanden zu werden, Angst sich zu öffnen. In vielen Sekten wird Psychotherapie auch als Teufelszeug dargestellt.
Ich kann euch aus eigener Erfahrung sagen, es gibt gute Therapeut*innen. Gebt dieser Vergangenheitsbewältigung eine Chance. Seid es euch wert.
/ Nadja Spichty
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