Niemand sah etwas oder wollte etwas sehen

Contentwarnung: In diesem Text werden (häusliche) psychische und emotionale Gewalt, selbstverletzendes Verhalten thematisiert.

Was habe ich nur für ein Glück in eine christliche Familie hineingeboren zu werden! Das dachte ich immer. Das wurde mir auch immer gesagt, denn die nicht-christlichen Familien haben es sehr schwer. Dort gibt es Scheidungen und die Kinder leiden. Oder Patchwork Familien – ganz schlimm sowas! Und so viele Fehler, die mir erspart blieben, denn ich würde ja „den richtigen Weg“ schon kennen und müsse nicht so viel Schuld auf mich laden. 

Die Realität sah aber ganz anders aus. Als ich ca. 10 oder 11 Jahre alt war und meine beiden älteren Schwestern in die Pubertät kamen, wurde das Klima zu Hause unerträglich. Meine mittlere ältere Schwester schikanierte mich und und ihre Wutanfälle waren unvorhersehbar. Ich war zwar nicht die Einzige, die davon betroffen war, aber als Jüngste war ich am verwundbarsten und dem emotionalen und mentalen Gewalt am stärksten ausgesetzt. In der Freikirche, die wir besuchten, war nichts davon spürbar. Als ich meinen Freundinnen aus der Gemeinde von meinem Leid erzählte, glaubten sie mir nicht, denn meine Schwester war bei ihnen sehr beliebt. Meine Mutter tat es als Rebellion ab und unternahm nichts weiter. Sie und auch die anderen Erwachsenen waren sich nicht bewusst, welche Auswirkungen dies auf mich hatte. 

Ich fing an, mir den Kopf blutig zu kratzen. Niemand sah etwas oder wollte etwas sehen. In der Schule erfuhr ich ebenfalls Ausgrenzung. Damals gab es die Möglichkeit, eine kostenlose telefonische Beratungsstelle bei Problemlagen zu kontaktieren. Ich wollte das aber auf gar keinen Fall zu Hause machen und so ging ich in eine Telefonzelle im Ort und rief diese Nummer an. Als ich erklärte, was bei mir zu Hause los war und was ich denn unternehmen könne, sagte die Person nur am Telefon: „Da kannst du gar nichts machen“. Mir wurde der Boden unter den Füßen weggerissen. Es gab einfach keine Hoffnung und Sicherheit für mich, egal wohin ich mich auch wandte. Ich wollte nicht mehr leben. Ich verkroch mich oft in meinem Kleiderschrank und weinte und flehte Gott um Hilfe an. Doch ich blieb allein. Nur der leicht muffige Geruch meiner Kleidung war mein Trost.  

Ein paar Jahre später, ohne jegliche Verbesserungen der häuslichen Situation, freundete ich mich mit meiner Klassenkameradin *Marie an, die sich in einer ähnlichen Situation wie ich befand: 3 Mädchen, sie die Jüngste und auch in ihrer Familie war es die mittlere Schwester, die oft Streit und Stress verursachte. Das Sprechen und sich auch teilweise Belustigen darüber war unglaublich therapeutisch. Erst im Nachhinein glaube ich, dass Marie mir sehr geholfen hat, diese Zeit zu überstehen, denn nun hatte ich eine Verbündete. Als sie die 8. Klasse wiederholte, verloren wir leider den Kontakt zueinander, aber ich behielt die verbrachte Zeit mit ihr in guter Erinnerung.

Leider konnte ich mich nie bei Marie bedanken. 2009 hatte sie einen tragischen Unfall, bei dem sie ums Leben kam. Ich konnte damals nicht einmal richtig um sie trauern, denn nach meiner damaligen Überzeugung war Marie keine Christin und somit vielleicht sogar in der Hölle. Das wollte ich einfach nicht glauben und so drückte ich das einfach weg. Heute, wo ich lerne meine Vergangenheit aufzuarbeiten, kann ich die Trauer zulassen und muss auch nicht mehr glauben, dass der einzige Mensch, der mir in einer meiner dunkelsten Zeiten zur Seite stand, auf ewig Qualen erleiden muss. 

Leider hat es sich nicht bewahrheitet, dass christliche Familien die gesünderen sind. Aus vielen Geschichten von Personen, die in christliche Familien hineingeboren worden, weiß ich, dass Probleme entweder übersehen oder verleugnet werden. Mein  Eindruck ist, dass solche Konflikte und Dysfunktionalitäten sogar aufgrund der strengen und schädlichen Dogmen entstehen. Liebe evangelikale Eltern und Freikirchen: Bitte macht es besser!

anonym

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