Richtiges Christentum?

Ich war ungefähr 8  Jahre alt, als ich zur Kommunion meiner Freundin eingeladen wurde.

Sie war sehr gut in Mathe und war katholisch – nicht so wie ich.

Aber ich wusste ja, dass Katholik_innen oft keine richtigen Christ_innen sind – nicht so wie wir.

Denn Katholik_innen gehen nur für das Ansehen am Sonntag in die Kirche aber nehmen die Bibel nicht wörtlich –  nicht so wie bei uns.

Sie glauben auch, dass der Papst das Sagen hat! Und nicht Jesus und die Bibel. Das ist falsch! Vielleicht ist der Papst sogar böse?

Bei der Kommunion geht es meistens nur um Geld und die Taufe ist nur ein Ritual und deshalb sind die Katholik_innen eigentlich nicht richtig bekehrt – nicht so wie wir. 

Meine Tante schlug vor, ein Lied zu singen. Also haben wir uns ein Lied ausgesucht und meine Tante nahm ihre Gitarre mit. Eigentlich ist es ein schönes Lied. Ein Lied, das Mut machen sollte. Ein Lied, das zu Gott führt – denn nur Gott ist gut. Nichts anderes.

Nach Kaffee und Kuchen und paar Gesprächen war es dann soweit. Meine Tante holte ihre Gitarre hervor und ich verkündete ein Lied für meine Freundin singen zu wollen. Meine Tante setzte sich auf den Küchenstuhl, die Gitarre auf dem Schoß und begann die ersten Töne zu zupfen. Ich war etwas aufgeregt! Was würden die Leute über so ein christliches Lied wohl denken?

Es wurde ganz still und ich begann zu singen.

Ich bin bei dir,

wenn die Sorge dich niederdrückt,

…Und ich hab alles in der Hand,

kenn dein Leben sehr genau,…Hab keine Angst,

auch wenn andre nicht zu dir stehn,

wenn du meinst, dass du wertlos bist,

ich liebe dich…..O welch ein Tag,

wenn wir uns gegenüberstehen,

und du siehst, dass dein Lebensweg

ein Weg war zu mir.

Dann war das Lied vorbei,  alle haben mich angestrahlt und im Anschluss geklatscht.

Sie fragten nach einer Zugabe und fragten mich, wo ich denn gelernt hätte, so schön zu singen.

Ich habe dadurch ganz vergessen, dass wir das Lied singen, damit die Kommunion ein bisschen christlicher wird. Dass meine Freundin anfängt, wirklich an Gott zu glauben, da sie ja falsch glaubt.

Aber die Leute haben sich total gefreut. Am Ende vom Fest hat der Papa mich sogar in den Arm genommen und gedankt, dass ich so eine gute Freundin sei. Ich habe noch nie so viel Lob bekommen. Und niemand hat mich umarmt, weil ich was gut gemacht habe.

Als wir nach Hause gefahren sind, habe ich meinen Eltern stolz davon erzählt.

Wie toll ich gesungen hätte! Und wie alle sich gefreut haben und mich gelobt haben was ich für eine gute Freundin bin, so eine gute Freundin, dass ich sogar eine Umarmung von ihrem Papa als Dank bekommen habe.

Doch nun bekam ich kein Lob und keine Umarmung.

“Hast du denn auch gesagt, dass du auch oft ein böses Mädchen bist?

Und das du nicht immer lieb bist?”

Oh nein! Das hatte ich natürlich nicht… Das war falsch. Ich will vor anderen nicht sagen, das ich schlecht bin. Dass ich eine Sünderin bin. Das hätte mich beschämt.

Ich bin ganz stolz gewesen – doch Stolz ist was schlechtes!  Nur Gott ist gut und ich will ja in dem Himmel.

“O welch ein Tag,

wenn wir uns gegenüberstehen,

und du siehst, dass dein Lebensweg

ein Weg war zu mir.”

Das macht mir Angst, denn ich bin ja ein böses Mädchen.

Und was, wenn ich nicht feste genug glaube?

anonym

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