So wie jesus litt

Content Note / Inhaltshinweis: Chronische Krankheit, Wahn, Dissoziation, Medizinische Vernachlässigung, Depression

I. Die Feuerlosigkeit

Mir geht es nicht besonders gut. Ehrlich gesagt schon lange nicht.

„Du musst mehr aus der Wohnung kommen!“, wird mir manchmal geraten.

Ja, es wäre vielleicht gut für mich, einen Job zu haben.
Öfter zum Sport zu gehen.
Freunde zu treffen.
Dinge zu unternehmen, für die man in der Regel die Wohnung verlassen müsste.

Doch ich habe eigentlich auch genug Drinnen-Hobbys!
Zeichnen. Nähen. Töpfern. Diverse Instrumente. Werkeln. Siebdrucken.
Die Liste ist lang.

Da ich eben viel in meiner Wohnung bin, ist meine Liste an Drinnen-Hobbys nicht zu verachten!
Mein Drinnen-Hobby-Regal hat viele Boxen und in zweien sogar noch Platz.

Mein Problem ist: Mein Feuer ist aus.
Es ist einfach aus.
Da raucht nichts mehr.
Kein Pusten oder Anfachen der Welt bringt es wieder in Gang.
Da glüht schon lange nichts mehr.
Es ist aus, abgekühlt und die Feuerstelle manchmal gar ein bisschen klamm.

Hätte ich noch ein Glühen zur Verfügung, würde ich wahrscheinlich die zwei Drinnen-Hobby-Boxen befüllen.
Zwei Drinnen-Hobbys finden, denen ich nur mit einem Glühen nachgehen könnte, da ich nur meine Finger minimal bewegen müsste.

Stricken?
Sticken?

Stattdessen Stillstehen.

II. Als ich noch brannte

Ich erinnere mich an eine Zeit, in der mein Feuer loderte.

Glücklich war ich nicht,
doch ein Feuer brannte tief in mir.
Eine Sehnsucht nach mehr.

Doch: Alles, was ich bisher versucht hatte,
ließ mich hinterher leer.
Mein Repertoire an Dingen, um mich zu füllen, war gering.

Oder eher: wurde gering gehalten.

Ich war hungrig, ich war durstig nach Liebe und vielen weiteren Dingen
– einer dritten Dimension, die mehr als der heilige geist war.

Denn mein Leben war sehr flach.
Nicht eindrucksleer.
Voller Leid und Schmerz.

Doch flach.

Mein Repertoire an Dingen zum Glücklichwerden:
Beten.
Bibel lesen.
Predigten hören.

Worship.
Gemeinschaft mit Gläubigen in der Gemeinde Jesu Christi.

oh HERR bitte hör mein Schrein,
ich will dir ganz nahe sein,
oh HERR, du bist gnädig und gut

ich war es nicht.
ich war nach gottes ebenbild gemacht.
doch ich war nicht gut.

nimm das, was mich von dir trennt und wasch mich rein…
… mit deinem … BLUT ?!
Blut.
Ja, Blut!

III. Sieben magere Jahre

Und siehe, es stiegen sieben Kühe aus dem Wasser; sie waren hässlich und mager.
Und siehe, sieben dünne Ähren gingen auf, die waren vom Ostwind versengt.
Die sieben mageren und hässlichen Kühe,
das sind sieben Jahre des Leids,
und die sieben mageren und versengten Ähren das sind
die gleichen
sieben Jahre des Leids.

Nach sieben Jahren des Leids bekam ich eine Diagnose:
Endometriose.1

IV. Das falsche Blut

Ja, man kann durch Schmerzen den Verstand verlieren.

Die Psyche zerlegt sich
und zerteilt sich
und schafft ein eigenes mentales Schmerzmittel.

Sie stößt den Körper ab
und trennt sich damit auch
von der Gefühlswahrnehmung,
Farben
und Dimensionen.

Und während meine kleine Freikirchenwelt mir alle 28 Tage dabei zusah, wie ich mich wand, entstanden viele blumige Bilder, Metaphern und Analogien für mein Leid.
Draußen-Analogien nenne ich sie, da andere sie für mich fanden.
Sie waren Verse aus der Bibel.

Denn ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der HERRLICHKEIT, die an uns offenbart werden soll.

Der Gerechte muss viel leiden,
aber aus alledem hilft ihm der HERR.

Doch wenn meine zerrüttete Psyche kurze Momente fand, sich zu zeigen und ich zusammenbrach oder nicht aufhören konnte zu weinen, wurden die
blumigen Bilder für mein Leid plötzlich unmenschlich.

Dann sprach man oft von meinem Geist,
für das Böse besonders empfänglich,
Dämonen
und Besessenheit.

Der herr würde mir helfen?
Der herr, der eigentlich kein Gender haben sollte?
Und doch waren sich alle sicher, er sei unser herr.
Er würde mir helfen.
Doch alle 28 Tage half mir niemand.

Pro forma drei Packungen Schmerzmittel verzehrt lag ich wieder und wieder im Bett,
ohne zu essen oder zu trinken.
Denn nichts Freiverkäufliches konnte mein Leid auch nur berühren.
Während ich mich wand und wimmerte.

Die Periode ist kein Luxus.

Mein böser – oder vor Schmerzen wirrer – Geist fand eigene Analogien:
Drinnen-Analogien.

Ich, das untote Geisterwesen,
musste zyklisch
durch Leid und Blut geboren
und ins Leben zurückgerufen werden.
Ein notwendiges Blutritual.

Ich, ein Phönix, ein Vogelwesen
würde sieben Tage in der Asche verbringen
würde dann auferstehen,
und ein weiteres Mal
drei mal sieben Tage leben können.

Bis zu meinem nächsten Tod.

Die Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit und Religion wurden immer verrückter.

Um meinen Geist etwas zu entwirren, schuf ich mir irgendwann eine sanfteres Ritual:
Alle 28 Tage ein Herr-der-Ringe-Marathon.
Extended Edition.
Ich ging mit Sam und Frodo nach Mordor.
Ich kam zurück.
Doch wie bei Frodo,
blieb jedes Mal
ein Stück von mir dort.

Eine Draußen-Analogie, doch ich wählte sie selbst.

V. Das Erlöschen

An jesu Leid wurden wir jeden gottverdammten Tag erinnert.
Ihn beteten wir dafür an.
Und alle 28 Tage verschwand ich in Mordor und litt meinen Weg.

Doch da meine kleine Welt von Männern geführt wurde,
war jesu Blut heilig
und ich litt still meinen Weg – in Asche und Blut.

Mein Repertoire an Dingen zum Glücklichwerden hätte schon immer
medizinische Anbindung und Behandlung gebraucht.
Beten.
Bibel lesen.
Predigten hören.
Worship.
Gemeinschaft mit Gläubigen in der Gemeinde Jesu Christi.
Nichts davon konnte mein Leid auch nur berühren.
Und so kämpfe ich heute mit vielen Folgeschäden.

Da das falsche Blut aus meinem Leid strömte, half mir niemand.

Mein Feuer ist nach sieben mageren Jahren dann erloschen.

Dann: Medizinische Anbindung und Behandlung und eine Diagnose.

Doch mein Feuer zu entfachen gelang mir auch nach sieben weiteren Jahren nicht.

Es klingt pathetisch, doch ich bin erschöpft. Ausgebrannt. Wirklich ausgebrannt.

Und die Periode ist kein gottverdammter Luxus.

/ Thefa

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  1. oft schmerzhafte chronische Erkrankung, bei dem sich Endometriosegewebe im Körper (meist Bauch- und Beckenraum) ansiedelt und Gewebeblutungen, Narbenbildung und Schmerzen bewirken kann. Das Gewebe verändert sich – ähnlich der Gebärmutterschleimhaut – stark mit dem Menstruationszyklus. Starke Menstruationsbeschwerden sind ein häufiges Symptom und können ein Indikator für eine Endometriose sein, die Beschwerden sind häufig aber dauerhaft. Die Ursache ist ungeklärt, aber bislang wenig erforscht. ↩︎