Von der göttlichen Vorherbestimmung und vom Patriarchat

Content Note: der folgende Text beinhaltet Beschreibungen von antifeministischen und misogynen Strukturen / Gedankengut

Ich wuchs auf in dem Bewusstsein, dass ich mich als weibliches Wesen unterordnen muss. Unter Männer, die von Gott zum Oberhaupt der Familie bestimmt sind, und natürlich auch zum Oberhaupt der Gemeinde. Auch wenn manche Männer manchmal ziemlich dumme Dinge von sich geben und ich es besser wüsste. Denn Frauen haben den Mund zu halten und zu gehorchen. Widerspruchslos. Deshalb zählt es auch nichts, wenn ich von meinem Bruder in Ruhe gelassen werden will. Oder meinem Vater sage, dass er nicht ohne Anklopfen in mein Zimmer kommen soll. Denn Nein heißt nicht Nein. Und Frauen zählen nichts. Und weiter heißt es: Da gewöhnst du dich besser dran, denn Männer sind nun einmal so…

Ich wuchs auf in dem Bewusstsein, dass ich als weibliches Wesen perfekt sein muss. Und wenn „perfekt“ nicht geht, dann muss ich wenigstens mein Bestes geben. In jeder Hinsicht. Denn ich muss die Mängel der Männer mit kompensieren. Ich muss für die Fehler und Fehltritte der Männer Verantwortung übernehmen und notfalls auch für sie gerade stehen. Auch wenn das Undenkbare passiert und zwei Menschen Sex vor der Ehe haben, dann ist immer die Frau schuld. Erst Recht, wenn sie schwanger wird. Denn sie hat ihn verführt. Sie ist schamlos und haltlos und lässt ihren weiblichen Reizen freien Lauf. Da kann der arme, ahnungslose Jüngling gar nicht mehr anders und erliegt den Verlockungen der Weiblichkeit.

Ich wuchs auf in dem Bewusstsein, dass es meine Bestimmung ist, Mutter zu sein. Am besten die Mutter von vielen, vielen Kindern. So vielen, wie Gott mir schenken wird. Muttersein heißt vor allem: Dienen. Mich aufopfern. Nicht nach meinen Wünschen oder Bedürfnissen fragen. Wenn ich mich beschwere, dass mein Bruder bei den Arbeiten im Haushalt nicht hilft, dann heißt es nur: Du musst „vernünftig“ sein. Und seine Aufgaben gleich mit erledigen. Das ist die beste Übung für später, denn auch dein Mann (und deine Kinder) werden nie das machen, was sie in deinen Augen tun sollen.

Ich wuchs auf in dem Bewusstsein, dass es meine Bestimmung ist, meinen zukünftigen Mann zu unterstützen und zu ergänzen. Dass es nicht meine Bestimmung sein kann, eigene Akzente zu setzen, eine eigene Karriere zu haben. Oder mir selbst große Ziele zu setzen und diese auch zu verfolgen. Ich mag zwar ein „schlaues Köpfchen“ sein, aber ein Studium muss es nun wirklich nicht werden. Denn als Ehefrau hast du zuallererst für deinen Mann und als Mutter zuallererst für deine Kinder da zu sein. Da darf der Beruf nicht in die Quere kommen oder Kapazitäten beanspruchen, die eigentlich der Familie und dem Ehemann und ja, auch der Gemeinde, „gehören“.

Ich wuchs auf in dem Bewusstsein, dass ich und meine Bedürfnisse nichts zählen. Denke zuerst an Jesus, dann denke an deine Mitmenschen und wenn du schon an dich selbst denken musst, dann wirklich erst an allerletzter Stelle. Jesus opfert sich für uns, dann ist es wohl nicht zu viel verlangt, dass du dich für deine Umwelt aufopferst. Halte auch die andere Wange hin. Was sie verschwiegen: Das ist die beste Übung, um später als Fußabtreter durchs Leben zu gehen.

Ich wuchs auf in dem Bewusstsein, dass ich der Besitz von Männern bin. Offiziell gehörte ich diesem zornig-eifersüchtigen Gott, männlich natürlich. Inoffiziell war ich der Besitz meines Vaters, später würde ich der Besitz meines Ehemannes sein. Besitz heißt, man(n) darf über mich bestimmen. Über meinen Kopf hinweg. Man(n) darf über meine Zeit verfügen. Mich als Trophäe vor versammelter Gemeinde präsentieren. Oder mich als Objekt betrachten. Meinen Körper kommentieren. Am besten vor Publikum. Oder übergriffig werden. Da braucht es kein Einverständnis. Denn ein Objekt kann überhaupt nicht einwilligen.

Ich wuchs auf in dem Bewusstsein, dass ICH und das, was ich will, nichts zählen.
Es kommt nicht darauf an, im Leben glücklich zu sein, sondern andere glücklich zu machen.
Es kommt auch nicht darauf an, sich durchzusetzen, sondern sich selbst zu verleugnen.
Es kommt nicht darauf an, mich selbst zu verwirklichen, sondern den Männern in meinem Leben bei der Selbstverwirklichung zu helfen. Ich alleine zähle nichts. Ich zähle nur etwas, wenn ich mich über einen Mann definieren kann. Das war meine Bestimmung, die zwar nie direkt ausgesprochen wurde, die aber ständig als Hintergrundrauschen vernehmbar war. Unhinterfragt. Alles andere wäre Rebellion gewesen. Gegen Gott und gegen die Eltern.

Um im Rahmen dieser Vorherbestimmung ein wertvoller und guter Mensch zu sein, darf ich als Mensch gar nicht vorhanden sein. Der Widerspruch war irgendwann nicht mehr tragbar. Meine Bestimmung ist: Ich muss mich auflösen, damit andere auf meine Kosten leben können. Das ist ab einem bestimmten Punkt nicht mehr aushaltbar. Die Alternative ist: Ich höre auf zu denken und löse mich wirklich auf. Wundert es, wenn ich lange Zeit in Panik geriet, wenn jemand  mich fragte, was ICH überhaupt will? 

Über 30 Jahre später kann ich sagen: Ich habe mich nicht aufgelöst. Ich habe nicht aufgehört zu denken. Ich habe die Widersprüche als das erkannt, was sie sind: Willkür, Missachtung, Manipulationen, Regeln, die es einem Teil der Menschheit gestatten, ziemlich bequem und frei von Verantwortung durchs Leben zu gehen. Alles als „Gottes Wille“ verkleidet.

Lange Zeit tauchten diese verinnerlichten Regeln immer wieder auf. Säten Zweifel und ließen mich auch an mir selbst verzweifeln. Aber es wird immer seltener. Ich habe die göttliche Vorherbestimmung hinter mir gelassen, ziemlich weit sogar. Dabei habe ich mich selbst gefunden, und mein eigenes, selbstbestimmtes Leben. Und es hat sich gelohnt. Sehr sogar.

Simone

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