Weihnachten – geheiligt sei der Glühwein

Früher war Weihnachten kein Fest der Freude, sondern ein Auftrag.
Ein geistliches Großprojekt, könnte man sagen.
Wir feierten nicht, weil es schön war, sondern weil Jesus geboren wurde.
Und wehe, jemand freute sich zu sehr über ein Geschenk.
Denn die größte Gabe ist ja ER”.

Ich erinnere mich an diese fromme Disziplin:
Kein „Frohes Fest“, sondern „gesegnete Weihnachten“.
Betont auf „gesegnet”, so als könne man mit einem falschen Gruß bereits den Untergang des Abendlandes einläuten.

Wir verpackten Schokolade mit Bibelversen für die Nachbarschaft und sangen in der Fußgängerzone, als wäre der Himmel persönlich an unserer Performance interessiert.
Zwischen Bratwurstduft und Last Christmas hielten wir die Stellung.
Eine kleine Frontlinie des Glaubens – im Kampf gegen den Konsum.
Und dann das Krippenspiel, das Herzstück der heiligen Weihnachtslogistik.
Wochenlang wurde geprobt, gebastelt, gebetet, bis jedes Schaf wusste, wo es stehen muss.
Kein Theaterstück war jemals so ernst gemeint.

Und irgendwo neben Rentiergeweihen und Räucherkerzen hoffte ich, dass wenigstens eine Seele gerettet würde.

Ist es nicht absurd?
Dass wir all unsere Kraft in dieses eine Fest steckten?
Das Fest der Feste, die Hochsaison der Heiligkeit.
Wo andere einfach Plätzchen backen,
starteten wir eine geistliche Großoffensive.
Wir nannten es „Licht in die Dunkelheit tragen” und meinten damit uns selbst.
Denn wer nicht glaubte wie wir, feierte nur Schein – ein heidnisches Fest mit Lametta.
Wir, die Gereinigten, die Erleuchteten,
feierten richtige Weihnachten und alle anderen waren verloren.

Heute lächle ich milde,
nehme noch einen Keks
und stoße mit Glühwein an.
Nicht auf die Errettung der Welt,
sondern auf das Leben selbst.

Weihnachten – geheiligt sei der Glühwein,
weil er mich daran erinnert, dass Wärme manchmal ganz irdisch ist.

/ Kim

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