Weihnachten in Trauer: Stiller Raum für Erinnerungen

Dieses Jahr fühlt es sich für mich nicht nach Weihnachten an. Nicht wirklich.

Vielleicht liegt es daran, dass meine Mutter nicht mehr da ist. Und daran, dass Weihnachten früher ohnehin seltsam war: Mein Vater hatte das Fest abgeschafft — weil es ihm nicht christlich genug war.

Aber heimlich hatten wir unser eigenes Weihnachten. Meine Mutter und ich. Adventsbasare, kleine Konzerte. Unsere leise Rebellion.

Ich erinnere mich an einen Abend, an dem wir zum Adventssingen in die Kirche „gelaufen“ sind – eigentlich eher gerutscht, weil alles spiegelglatt war. Wir haben die ganze Zeit gelacht. Einer meiner liebsten Momente.

Ich denke auch an unser letztes gemeinsames Weihnachten zurück. Kurz bevor COVID-19 unser aller Leben auf den Kopf stellte. Wir Kinder saßen um ihr Krankenbett herum und glaubten, es wäre vielleicht das letzte Mal. Noch einmal Weihnachten als Familie.

Aber sie war zäh. Sie überstand sogar die Pandemie. Und jetzt ist sie gegangen. Am Tag der Deutschen Einheit.

Die Beerdigung war hart. All diese Worte über Gott und Jesus während der Trauerfeier, die religiösen Lieder und später das queerfeindliche Gerede beim gemeinsamen Essen.

Meine Familie so intensiv wie seit Jahren nicht mehr-gemeinsame Erinnerungen, Schulzeit, unsere frühere evangelikale Gruppierung. Ich erzählte mit, weil ich dazugehören wollte, weil es unser gemeinsamer Moment war. Und doch fühlte ich mich wie ein Alien. Fremd, ausgegrenzt.

Weil mir der Glaube fremd geworden ist.

Weil ich Queerfeindlichkeit nicht mehr mittrage.

Weil ich selbst queer bin.

Bald ist wieder Weihnachten. Wahrscheinlich werden es stille, vielleicht einsame Feiertage. Und trotzdem ist etwas anders dieses Jahr. Ich muss das alles nicht mehr allein durchstehen. Eine Beratungsstelle für queere Menschen begleitet mich seit einigen Monaten.

Weihnachten – das sind Erinnerungen. An früher, an meine Mutter vor allem. Aber auch an dieses Jahr, das intensiv und anders war, in dem ich zum ersten Mal Hilfe bekommen habe, die wirklich auf mich eingegangen ist. Im Krankenhaus und in der Beratung. Einmal selbst Unterstützung bekommen und nicht nur versuchen, anderen zu helfen.

Weihnachten. Ich möchte es nicht religiös festgelegt wissen, sondern menschlich. Ein Moment, um mich selbst ernst zu nehmen, Erinnerungen Raum zu geben und still und dankbar zu sein für das, was mich dieses Jahr getragen hat.

/ anonym

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