Gott hat mich nicht losgelassen

Content Note / Inhaltshinweis: Erwähnung von christlicher Homophobie

Meine Erfahrung mit Kirche

Ich heisse Marcel, bin 54 Jahre alt und wohne in Zürich. Heute bin ich Mitglied der Regenbogenkirche, einer offenen Methodistengemeinde für alle Menschen ohne Ausnahme. Mein Glaubensleben war und ist sehr abwechslungsreich. Ursprünglich war ich in einer konservativen Freikirche aufgewachsen, wo ich mich lange Zeit wohlfühlte. Nach meinem Coming-out kamen jedoch immer mehr Probleme auf mich zu. In einem Buch, das mir die Gemeinde gab, hiess es, Homosexualität sei eine Abirrung von Gottes Zielvorstellungen und sei mit Ehebruch gleichzusetzen. Die Bibel nehme da sehr klar Stellung, sie kenne keine angeborene Homosexualität, sondern sehe darin eine Folge des Abfallens von Gott. Der Autor ging davon aus, dass eine Umpolung von homosexuell zu heterosexuell möglich und einfach sei, und begründete seine Auffassung mit dem Römervers 8,9: „Nun aber ist Gottes Geist in euch und ihr seid nicht länger der Herrschaft eures sündigen Wesens ausgeliefert.”

Mit Gott Schluss gemacht

Ich schenkte diesem Buch volles Vertrauen und kam gar nicht auf die Idee, den Inhalt kritisch zu hinterfragen. Was man mir mündlich sagte, ging in die gleiche Richtung. Ich wurde anhand homophober Theologie und jahrhundertealter Sexualethik gemassregelt. Zeitweise hatte ich ein Gottesbild, das auf Gehorsam, Zucht und Selbstverleugnung baut, aber nicht auf eine liebevolle Beziehung ausgerichtet ist. Da sich trotz Gebeten, Segnungen und Hände-Auflegen nichts änderte, stürzte ich in eine Depression. Ein Brief an den Pastor wurde schlicht nicht beantwortet. Irgendwann sah ich keine andere Lösung mehr, als auszutreten. Ich lebte fortan mehrere Jahre ohne Gott und nahm bewusst Abstand von allem, was mit Religion oder Kirche zu tun hatte.

Zwei Wunder

Meine Erzählung könnte ich hier beenden, wenn ein paar Jahre später nicht ein Wunder geschehen wäre. Ich verspürte den eindringlichen Ruf, einen Gottesdienst aufzusuchen. Vorerst ignorierte ich diese klare Botschaft, befasste mich dann zwei Monate später doch mal damit. Weil für mich ein Besuch in der damaligen Freikirche nicht infrage kam, informierte ich mich mittels Tagblatt über andere Angebote in Zürich. Meine Auswahl fiel auf die reformierten Abendgottesdienste in der Wasserkirche, mitten in der schönen Altstadt. Obwohl ich nichts Besonderes erwartete, ging ich mal dorthin. Und was dann geschah, war gerade nochmals ein Wunder. Dieser erste Kirchenbesuch seit langem erfüllte mich mit grosser Freude und ermöglichte mir wieder den Zugang zum Glauben – von einer ganz anderen, neuen Seite her. Anstelle mich, um Christ zu sein, zuerst umpolen zu müssen, fühlte ich mich von Gott angenommen, so wie ich bin. Auch die weiteren Gottesdienste brachten mir viel. So wurde die Wasserkirche über einige Zeit hinweg immer mehr zu meiner neuen Heimat. Ich spürte, dass von diesen Gottesdiensten grosser Segen ausging.

Mein Start in der Regenbogenkirche

Ich kann es nicht anders sagen, es muss eine Fügung Gottes gewesen sein: Per Ende Jahr 2019 wurde die Wasserkirchen-Gemeinde aufgelöst. So ergab es sich, dass ich Anfang 2020 nahtlos in die neu gegründete Regenbogenkirche übertreten konnte. Auch wenn die Wasserkirche eine durchaus gay-friendly Gemeinde war, freute ich mich auf die Regenbogenkirche, da sie ihre Offenheit gegenüber der queeren Community noch aktiver nach aussen ausdrückt. Sie ist mehr als einfach eine Nachfolgerin der Wasserkirche.

Ich wusste schon lange vorher vom Projekt Regenbogenkirche. Ich hatte im Queer-Gottesdienst in der Citykirche St. Jakob mitgeholfen und wir wurden frühzeitig vom Projektteam der Methodistengemeinde kontaktiert. Da der Queer-Gottesdienst im St. Jakob so oder so nicht mehr weitergeführt werden konnte, habe ich mich entschieden, in der Regenbogenkirche weiter zu wirken.

Die geistliche Heimat gefunden

Inzwischen gibt es die Regenbogenkirche sechs Jahre, wenn auch coronabedingt mit längeren Pausen dazwischen. Ich gehe fast jeden Sonntagabend in den Gottesdienst. Ich sehe keinen Grund, warum ich nicht hier bleiben sollte. Die theologische Ausrichtung der Regenbogenkirche entspricht meiner Einstellung und mit den Leuten hatte ich mich schnell angefreundet. Was ich auch sehr schätze, ist die abwechslungsreiche Musik.

Abschliessend kann ich sagen, dass mir die frühere Freikirche zwar viel Leid zufügte, aber dafür eignete ich mir dort das Basiswissen an, um die Situation queerer Christ*innen genau zu verstehen und mich für sie einsetzen zu können.

/ Marcel

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