Kleine Chrissi – Große Chrissi

Kleine Chrissi, 6 Jahre alt, mag am liebsten Bibelgeschichten und kennt sehr viele, weil sie in ihrem Alltag überall präsent sind. „Nicht alles davon ist wahr, auch wenn die Personen, die dir diese Geschichten erzählen, das behaupten! Du darfst Fragen stellen. Und: Nimm das alles nicht so furchtbar ernst.“

Kleine Chrissi, 7 Jahre alt, hat manchmal keine Lust auf den Kindergottesdienst am Sonntagvormittag. Aber traut sich nicht, ihrer Mama das zu sagen, die diesen leitet. „Hab keine Angst davor, nein zu sagen. Je früher du es übst, desto leichter wird es später!“

Kleine Chrissi, 8 Jahre alt, ‚gibt ihr Leben Jesus‘. „Du wirst dich später nicht mal mehr daran erinnern, dass du das tust. Ich weiß, du bist so in diesem Strudel, dass du nichts anderes tun kannst. Aber wisse, es gibt auch andere – für dich bessere – Wege als diesen. Du wirst sie irgendwann finden.“

Kleine Chrissi, 9 Jahre alt, fühlt sich unter Druck, weil ihre Oma immer „Oh jemine!“ sagt und das von „Oh mein Jesus“ kommt. Weil ihr in der Kinderstunde eindrücklich erzählt wurde, wie Gott sich fühlt, wenn man seinen Namen sagt, ihn aber nicht wirklich meint. Und jetzt denkt sie, ihre Oma darauf hinweisen zu müssen, dass man den Namen des Herrn nicht missbrauchen darf. „Lass dir diesen Druck nicht machen. Das ist viel zu viel verlangt und absolut unpassend!“

Kleine Chrissi, 10 Jahre alt, sitzt im Biologie-Unterricht und hat große Angst vor dem Teufel und seinen Verführungen. „Deine Lehrerin will dir nichts Böses, wenn sie euch im Unterricht von der Evolution erzählt. Höre ruhig neugierig zu! Das ist keine böse, gefährliche Theorie, die dir schadet, sondern wissenschaftliche Erkenntnisse.“

Kleine Chrissi, 11 Jahre alt, fühlt sich in der Schule oft zwischen den Fronten. „Hab kein schlechtes Gewissen, wenn du dich nicht traust, deinen Freund:innen von Jesus zu erzählen. Zwinge dich zu nichts, mit dem du dich nicht wohlfühlst.“

Kleine Chrissi, 12 Jahre alt, liest zum ersten Mal das Buch ‚Ungeküsst und doch kein Frosch‘, weil ihre Mama ihr das gegeben hat. „Lies es nicht! Klapp es zu, es richtet nur Schaden an. Lies stattdessen Harry Potter weiter, das du nach hundert Seiten am Stück mit schlechtem Gewissen deiner Freundin zurückgegeben hast. Und hab keine Angst vorm Erwachsenwerden. Du wirst eine starke junge Frau, die sogar manchmal Wimperntusche verwendet und im Sommer kurze Hosen trägt. Das ist nichts Schlechtes!“

Kleine Chrissi, 13 Jahre alt, hat Angst, im Kindergottesdienst falsche Antworten zu geben. Weil sie ihren Selbstwert daraus bezieht, immer in allem gut zu sein. „Nicht alles ist schwarz-weiß und nicht immer gibt es richtig und falsch. Du wirst später noch lernen, dich auch dann selbstsicher zu fühlen, wenn du etwas nicht weißt.“

Kleine Chrissi, 14 Jahre alt, fühlt sich oft sehr unsicher. Jesus soll ihr zeigen, dass sie unendlich geliebt und wertvoll ist, aber irgendwie spürt sie es nicht. „Ich sehe dich und weiß wie du dich fühlst. So wird es dir noch ein paar Jahre gehen, aber dann wirst du den Glauben hinter dir lassen und nicht mehr auf Jesus warten, der dir Selbstwert geben soll. Du wirst anfangen, dich für Psychologie zu interessieren und dabei sehr viel über dich lernen. Du wirst an dir arbeiten und wachsen. Am Ende wirst du eine selbstbewusste, reflektierte Frau sein, die sich selbst sehr gut kennt und bei Problemen weiß, wie sie sich gut weiterhelfen kann.“

Kleine Chrissi, 15 Jahre alt, hat noch nie aktiv weltliche Musik gehört, ‚weil das alles sündige Texte sind und es keinen Zweck hat, Musik zu hören, die Gott nicht anbetet‘. „Ich weiß, du magst Worship und das erhebende Gefühl, das du beim Singen hast, vor allem in Gemeinschaft. Und auch wenn du das irgendwann vermissen wirst, wirst du andere Musik entdecken, die dich sehr glücklich machen wird. Ganz ohne schlechtes Gewissen! 

Kleine Chrissi, 16 Jahre alt, wird von ihren Leitern in der Gemeinde dazu gedrängt, sich taufen zu lassen. Aber hat solche Hemmungen davor. „Bleib dir treu! Vertraue auf dein Bauchgefühl – du wirst später froh sein, nicht getauft zu sein und dich nicht für die Gemeinde verbogen zu haben!“

Kleine Chrissi, 17 Jahre alt, kurz vor dem Abitur. Sucht verzweifelt nach Gottes Plan für ihr Leben. „Du musst nicht den einen, einzig richtigen Weg finden. Warte nicht länger krampfhaft und doch passiv auf ein Zeichen, was du beruflich machen ‚sollst‘. Sondern geh einfach los, frage dich, was du willst. Wofür dein Herz schlägt. Ganz egal, was du glaubst, das Gott davon hält.“

Kleine Chrissi, 18 Jahre alt, fragt sich, ob sie sich von ihrem ersten Freund trennen soll, mit dem sie ganz frisch zusammen ist. Weil er nicht gläubig ist. „Bleib bei ihm! Grüble nicht länger darüber nach, was Gottes Wille ist und ob du gerade sündigst. Dein Freund wird dir helfen, aus dem Hamsterrad des fundamentalistischen Glaubens zu entkommen und du wirst sehr glücklich mit ihm, gerade weil er nicht glaubt.“

Kleine Chrissi, 19 Jahre alt, emotional am Boden und sehr verzweifelt, weil sie Gott verloren hat. Einfach nicht mehr glauben kann. Zu viele Zweifel. „Es wird alles gut. Du wirst dich nicht für immer so alleine mit deiner Geschichte fühlen. Du wirst Menschen finden, die genau das gleiche erlebt haben wie du. Du wirst Freund:innen finden unter ihnen. Und du wirst dich dafür einsetzen, dass es anderen immer weniger so wie dir mit dieser Überforderung gehen muss.“

Große Chrissi, fast 24 Jahre alt. Hadert manchmal damit, ihr Leben lang indoktriniert worden zu sein. Kaum einen freien Willen gehabt zu haben und aus diesem gedanklichen Gefängnis heraus Lebensentscheidungen getroffen zu haben, die sie jetzt für falsch hält. „Lass los. Quäle dich nicht mehr mit diesen ‚Hätte ich doch‘-Gedanken. Deine gläubige Vergangenheit ist ein Teil deiner Geschichte und nur durch sie wurdest du zu dem Menschen, der du heute bist. Sei stolz auf dich!“

Chrissi

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